Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Buchbesprechung: Wilfried Schöntag, Die Marchtaler Fälschungen

In der Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte (Jahrgang 77, 2018, S. 505–507) ist eine Rezension von Helmut Maurer zum fünften Studienband der Germania Sacra von Wilfried Schöntal erschienen:

Wilfried Schöntag, Die Marchtaler Fälschungen. Das Prämonstratenserstift Marchtal im
politischen Kräftespiel der Pfalzgrafen von Tübingen, der Bischöfe von Konstanz und der
Habsburger (1171–1312) (Studien zur Germania Sacra, N.F. 5), Berlin/Boston: De Gruyter
Akademie Forschung 2017. 601 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-11-046736-9. € 149,95
Angesichts dessen, dass den Historischen Hilfswissenschaften (oder besser: Historischen Grundwissenschaften) an deutschen Universitäten in der jüngsten Vergangenheit – erst recht nach der Streichung ihnen bislang gewidmeter Professuren – kaum mehr Bedeutung zugemessen wird, sind wissenschaftliche Publikationen zu einschlägigen Themen dementsprechend selten geworden. Umso mehr Aufmerksamkeit darf von vorneherein ein der Urkundenforschung als einer der wichtigsten hilfswissenschaftlichen Disziplinen gewidmetes Werk beanspruchen. Dies auch deswegen, weil es sich dem für das Mittelalter charakteristischen, im vorliegenden Band zentral angesprochenen Phänomen der Fälschung von Urkunden und damit einer Thematik zuwendet, die noch immer eine gewisse Faszination auszuüben vermag. Aber auch der 1986 vom damaligen Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica, Horst Fuhrmann, initiierte internationale Kongreß über „Fälschungen im Mittelalter“ und die ihm nachfolgende Publikation der dort eigens auch dem Thema „Diplomatische Fälschungen“ gewidmeten Vorträge haben nicht zu einer vermehrten Beschäftigung mit größeren Fälschungskomplexen und der Vorlage entsprechender Monographien geführt.
 Hier bildet das vorliegende, den Fälschungen des oberschwäbischen Prämonstratenserstiftes Obermarchtal gewidmete Werk eine rühmliche Ausnahme. Geschaffen worden ist es bezeichnenderweise von einem Archivar und Historiker, der noch Jahre vor der gewollten Verdrängung der Hilfswissenschaften aus den deutschen Universitäten seine Ausbildung erfahren hatte, aber erst – nach Vorarbeiten in den 1980er Jahren – im Ruhestand dazu kam, einem ihm seit Langem vertrauten Fälschungskomplex eine Monographie zu widmen. Bereits 2012 hatte er in der Reihe der „Germania Sacra“ eine Gesamtdarstellung der Stiftsgeschichte vorausschicken können. Bei der dafür notwendigen kritischen Beschäftigung mit den Marchtaler Urkunden mögen ihm Arbeiten seines einstigen Marburger Doktorvaters Walter Heinemeyer, etwa über „Die Urkunden des Klosters Hasungen“ (1958) oder „Die Reinhardsbrunner Fälschungen“ (1967), als Vorbild und Anregung gedient haben. Nicht zurückschrecken ließ er sich dabei von der durch die Verteilung der Marchtaler Urkunden auf drei Archive (Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Staatsarchiv Sigmaringen und Fürst Thurn und Taxis Zentralarchiv Regensburg) komplizierten Überlieferungslage, und er ließ sich auch nicht entmutigen angesichts der Tatsache, dass vor ihm zwei Archivaren bzw. Historikern, Gebhard Mehring (1864 – 1931) und Hans Weirich (1909 – 1942), bei der Klärung der Marchtaler Fälschungsfrage der Durchbruch versagt geblieben war.
 Dass es dem Verfasser des vorliegenden Werkes gelingt, nunmehr weitgehende Klarheit für die Gründe und für die Voraussetzungen zu schaffen, die zur Fälschung bzw. Verfälschung von Marchtaler Urkunden aus dem Zeitraum zwischen 1171 und 1312 Anlass gegeben haben, ist vor allem seinem methodisch konsequenten und überzeugenden Vorgehen zu verdanken. Mit Methoden der Schriftanalyse vermag er die Hände von Schreibern gefälschter bzw. verfälschter Urkunden denjenigen von Schreibern authentischer Urkunden zuzuordnen mit dem Ergebnis, dass auf der Grundlage authentischer Urkunden insgesamt ca. 25 Pergamenturkunden frei gefälscht und ca. 41 Urkunden verfälscht und danach beglaubigt und lediglich in der Form derartiger Beglaubigungen im Archiv des Stifts verwahrt worden sind. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass Siegel in der Weise gefälscht wurden, dass nach der von Marchtaler Fratres getätigten Abformung von Siegeln neue Typare durch Konstanzer Goldschmiede geschaffen wurden, ja dass die Marchtaler zusammen mit Vertretern der Konstanzer Bischofskurie und des Konstanzer Domkapitels vor allem neue Typare der Bischöfe und des Domkapitels anfertigen ließen. Insgesamt war es den stiftischen Fälschern darum zu tun, Ansprüche der adeligen Vögte, der Grafen von Tübingen-Böblingen und der Grafen von Berg-Schelklingen, zu Gunsten der vor allem unter Bischof Heinrich II. von Klingenberg (1293 – 1306) zwischen Donau und Schwäbischer Alb und über die Alb hinweg bis nach Urach mit Besitzungen und Rechten immer mehr territorial Fuß fassenden Bischöfe von Konstanz abzuwehren; dies in Konkurrenz zu den schließlich das Feld beherrschenden Habsburgern. Den stiftischen Fälschern war aber ebenso sehr daran gelegen, für alle Marchtaler Pfarrkirchen den Rechtszustand der Inkorporation in das Stift zu begründen.
 Die Grundlegung all dieser mit Hilfe sorgfältiger diplomatischer, schriftgeschichtlicher und sigillographischer Analysen erzielten Ergebnisse findet sich im rund 280 Seiten umfassenden „Anhang“. Man sollte sich von dieser Kennzeichnung der dort versammelten Einzeluntersuchungen nicht dazu verleiten lassen, diesen Textteil lediglich als eine Art „Anhängsel“ zu verstehen. Vielmehr stellt sich die auf S. 341 – 348 wiedergegebene, insgesamt 85 Nummern umfassende „Übersicht über die behandelten Urkunden (1171 bis 1357)“ als ein in Tabellenform gefasstes, als Einstieg in die Lektüre des Bandes zu nutzendes „Herzstück“ des Buches dar. Denn mit ihrer Hilfe lassen sich die Daten der behandelten Urkunden und vor allem ihre Bewertung als Originale, als freie Fälschungen oder als Verfälschungen leicht überblicken. Die Tabelle bereitet darüber hinaus vor auf die einer jeden der 85 Urkunden gewidmeten Einzeluntersuchungen, in denen der Verfasser sein ganzes „hilfswissenschaftliche Können“ unter Beweis stellt. Vieles, was – bislang gestützt auf Marchtaler Urkunden – als glaubhaft galt und dementsprechend in die wissenschaftliche Literatur unhinterfragt Eingang gefunden hatte, wird man künftig nicht mehr ohne Weiteres als zutreffend ansehen dürfen. Es ist vorerst noch kaum zu übersehen, welche Konsequenzen die Fülle von Neubewertungen, die dem Verfasser zu verdanken ist, vor allem für die Geschichte von Institutionen, Personen und Orten nicht nur in Marchtals Umfeld an der Donau, sondern auch jenseits der Schwäbischen Alb haben wird.
 Die Folgen für die Kenntnis der allgemeinen Landesgeschichte des hoch- und spätmittelalterlichen Schwaben hat der Verfasser in den zentralen Kapiteln seines Werkes herausgearbeitet. Ihm gelingt es vor allem, die bisher kaum beachtete, auf den Übergang von Vogtei und Herrschaftsrechten über Marchtal seit ca. 1260 gestützte „Territorialpolitik“ der Bischöfe und des Domkapitels von Konstanz um Donau und Alb vom 13. bis ins 15. Jahrhundert und die sie immer mehr eindämmende territoriale Gegenbewegung der Habsburger in diesem Raum in ein völlig neues Licht zu rücken.
 Indessen trägt das Werk auch wesentlich zur kirchlichen Rechtsgeschichte des Bistums Konstanz bei, indem es etwa die Exemtion stiftischer Pfarreien aus den Landdekanaten, die Inkorporation von Marchtaler Landkirchen in das Stift und den Erwerb von Präsentationsrechten über Landkirchen durch das Stift behandelt.
 Insgesamt hat der Verfasser mit seinen „Marchtaler Fälschungen“ ein nicht nur dem Umfang nach, sondern ein vor allem angesichts der Fülle der darin angesprochenen Aspekte bedeutendes Werk geschaffen, das der Diplomatik ebenso wie der Landesgeschichte des deutschen Südwestens auf lange Zeit hinaus wesentliche Impulse vermitteln wird. Das Buch wird aber auch dazu anregen, am Beispiel der Marchtaler Fälschungen Horst Fuhrmanns These zu überprüfen, dass „Fälschungen im Dienste der Gerechtigkeit“ und „im Dienste der Heilsordnung“ vorgenommen worden seien.
 
Helmut Maurer

PDF-Datei der Buchbesprechung zum Herunterladen auf  der Homepage der Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte:

https://www.kgl-bw.de/anlagen/zwlg_77_2018_rezensionen.pdf

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