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Am 1. und 2. März 2010 veranstaltete die Göttinger Arbeitsstelle des Deutschen Wörterbuchs, anknüpfend an frühere Kontakte, ein Dänisch-Deutsches Wörterbuchkolloquium, zu dem Mitarbeiter verschiedener historischer Wörterbuchprojekte sowie historische Sprachwissenschaftler eingeladen waren.
Der diesjährige Themenschwerpunkt lag bei der Frage nach Phraseologie in historischen Wörterbüchern, bzw. ob und wie diese ggf. in historischen Wörterbüchern zu behandeln sei. Die Veranstaltung fand in den Räumlichkeiten der Göttinger Akademie statt.

Nach einer Begrüßung durch Prof. Dr. Karl Stackmann, den Vorsitzenden der Leitungskommission des Deutschen Wörterbuchs, übernahm Christiane Gante die Moderation der Veranstaltung, die mit Dr. Ulrike Stöwers Vortrag Zur Darstellung von Phraseologismen in älteren Teilen des 2DWB begann. Hier wurden verschiedene Methoden aufgezeigt, wie in den Göttinger Bearbeitungsteilen D, E und F und den Berliner Bearbeitungsteilen A und B des 2DWB mit Phraseologismen umgegangen wurde. So weist z. B. der relativ junge Göttinger Artikel Fuchs m. einen eigenen Gliederungspunkt 'phraseologischer Gebrauch' auf, in dem die einzelnen Phraseologismen als Strichmarken mit Belegreihen aufeinander folgen, während im deutlich älteren Artikel Dienst m. an mehreren Stellen der Gliederung auf phraseologischen Gebrauch hingewiesen wird. Im Berliner Artikel Auge n. tauchen Phraseologismen ebenfalls an mehreren Stellen der Gliederung auf, obwohl dieser Artikel zusätzlich einen eigenen Gliederungspunkt 'in phraseologischen, redensartlichen, sprichwörtlichen Wendungen' aufweist. Auch die unterschiedlichen Benennungen von Phraseologismen - wie z. B. Phraseologismus; idiomatische, kollokative, feste Verbindung; Wendung; phraseologisch(er Gebrauch); redensartlich, bildlich etc. - wurden angesprochen.

Im Anschluss erläuterte Nathalie Mederake anhand einiger Beispiele aus neueren Teilen des 2DWB und anderen Wörterbüchern Gliederungsprobleme bei Phraseologismen. Die Behandlung von Phraseologismen in einem Bedeutungswörterbuch wie dem 2DWB sei notwendig, weil Wortschatz in hohem Maße phraseologisch geprägt sei. Der Vortrag veranschaulichte, dass es prototypischere oder 'bessere' Vertreter von Phraseologismen gebe und weniger prototypische oder 'schlechtere', die sich auch in Begriffen von Zentrum und Peripherie phraseologischer Verwendungen einordnen lassen. Dies könne als Entscheidungshilfe dienen, an welcher Stelle im Artikel eine phraseologische Wendung behandelt werden solle. Die prototypischeren Vertreter aus dem Zentrum seien eher in einem gesonderten Gliederungspunkt für Phraseologismen abzuhandeln, während weniger prototypische, oft auch weniger stark idiomatisierte Vertreter aus der Peripherie durchaus zu den ihnen zugrundeliegenden Bedeutungen des Lemmas gestellt werden könnten. Bei Belegen aus älteren Sprachstufen komme das Problem hinzu, dass sich eine Wendung nicht problemlos als Phraseologismus oder gar als 'besserer' oder 'schlechterer' Vertreter dieser Kategorie einordnen lasse, weshalb gerade hier von Fall zu Fall entschieden werden müsse. So ergebe sich zwar für den Benutzer ein uneinheitliches Bild innerhalb des Wörterbuchs, doch solle die Zuordnung phraseologischer Wendungen in einem Vorwort erläutert werden, so dass sie für den Benutzer nachvollziehbar werde.

Nach einer kurzen Kaffeepause gab Stefanie Frieling vom Deutschen Rechtswörterbuch in Heidelberg einen Überblick Zur Darstellung von Paarformeln im Deutschen Rechtswörterbuch. Hierbei zeigte sich u. a. die Problematik, unter welchem Lemma eine Paarformel genannt werden sollte. So finden sich einige Paarformeln unter dem ersten Glied lemmatisiert, andere unter beiden oder nur unter dem zweiten Glied der Formel; wieder andere Paarformeln werden unter einem Verbum verbucht, mit dem sie häufig in Verbindungen verwendet werden.

Die Vortragsreihe des ersten Tages schloss Dr. Volker Harm, der den Fokus des Kolloquiums mit einem Vortrag Zur Darstellung von Funktionsverbgefügen im 2DWB um einen anderen Typus formelhafter Sprache erweiterte. Hierbei wurde aufgezeigt, dass FVG sich nicht eindeutig definieren lassen, da es bei allen Definitionsansätzen stark verschwimmende Grenzen gibt. Daher sei die Bezeichnung Funktionsverbgefüge im Grunde genommen nicht als Terminus anwendbar und solle nur mit Vorsicht, am besten nur bei eher prototypischen FVG, verwendet werden. Unsicherere Vertreter sollten ggf. schlicht als feste Verbindungen angesprochen werden. Da FVG zwar teils zur Grammatik gezählt, jedoch in Grammatikbeschreibungen oft nicht behandelt werden, sollten sie durchaus in Bedeutungswörterbüchern dargestellt werden. Doch an welcher Stelle? Da es sich um Funktionsverbgefüge handelt, liege es nahe, sie unter dem Verbum abzuhandeln und die ggf. systematische Funktion des Verbs (z. B. bringen als Kausativmarker) und mögliche Kollokationen aufzulisten. Allerdings bleibe hierbei z. B. die historische Entwicklung einer bestimmten Verbindung auf der Strecke. Schlussendlich müsse von Fall zu Fall entschieden werden, ob ein Verb regelmäßig mit einer Reihe von Nomina in einer bestimmten Funktion verwendet wird und somit dort mögliche Funktionsverbgefüge aufgezählt werden, oder ob unter einem Nomen die historische Entwicklung eines spezifischen FVG angesprochen wird. Eine andere Möglichkeit wäre es, FVG wie Phraseologismen in einem eigenen Gliederungspunkt zu behandeln, da das beteiligte Verb oft idiomatisiert verwendet wird und es sich meist um sehr feste Verbindungen handelt.

Den Abschluss des ersten Tages bildete ein Empfang in der Göttinger Akademie der Wissenschaften, deren Präsident Prof. Dr. Christian Starck Vortragende und Zuhörer noch einmal herzlich willkommen hieß. Bei einem Buffet hatten die Kolloquiumsteilnehmer dann noch Gelegenheit, sich über die Vorträge des Tages auszutauschen.

Den zweiten Vortragstag unter der Moderation von Dr. Volker Harm läutete Sabine Elsner-Petris Vortrag über Die europäische Dimension deutschsprachiger Phraseologie ein, in dem sie zunächst darauf hinwies, dass sprachvergleichende Phraseologismenforschung sich zumeist nur mit synchronen Vergleichen befasse und die diachrone Dimension außer Acht lasse. Dabei sei gerade diese Dimension nicht unwichtig. Es wurde illustriert, dass formale Ähnlichkeiten verschiedensprachiger Phraseologismen durchaus mit semantischen Unterschieden einhergehen können und dass Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten sowohl auf Entlehnung oder Sprachverwandtschaft als auch auf ähnlichen, voneinander unabhängigen Erfahrungswerten oder Inspiration durch eine gemeinsame Quelle beruhen können. Des Weiteren wurde die Frage aufgeworfen, ob bzw. in welchen Fällen derartige Beziehungen zu anderssprachigen Phraseologismen Aufnahme in ein historisches Bedeutungswörterbuch finden sollten. So sei z. B. bei einem Phraseologismus wie blaues Blut, der außer im Deutschen auch im Englischen und Spanischen in gleicher Form und Bedeutung vorhanden ist, die Angabe, dass dieser vom Spanischen ins Deutsche und Englische entlehnt wurde und es sich nicht um unabhängige Entwicklungen oder einen ererbten Phraseologismus handelt, sprachhistorisch wichtig und erwähnenswert.

Im Anschluss ging Prof. Hans Blosen von der Universität Aarhus der Frage nach Phraseologie in Johannes Bengedans' Büchsenmeister- und Kriegsbuch nach und erläuterte mögliche Interpretationen einiger formelhafter Wendungen in diesem Werk. So seien einige öfter wiederkehrende Phrasen nicht als schlichte Reimfloskeln zu deuten, sondern vielmehr als mit Bedacht verwendete feste Wendungen, die ihrerseits einen semantisch leeren Banalreim bedingten. Es zeigte sich, dass die Entscheidung, ob eine Verbindung in einer älteren Sprachstufe phraseologisch war oder nicht, aus heutiger Sicht oft nicht einfach zu treffen ist und durchaus unterschiedliche Interpretationen vorhanden sein können.

Auf eine kurze Kaffeepause folgte ein Vortrag von Dr. Susanne Baumgarte von der Göttinger Arbeitsstelle des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs, in dem sie anhand der Wendung "Daz ist mir als ain ay" Phraseologisches im neuen Mittelhochdeutschen Wörterbuch vorstellte. Auch sie illustrierte in diesem Zusammenhang u. a. die Frage, wie detailliert und gesichert sich gerade bei Phraseologismen in älteren Sprachstufen aus heutiger Sicht eine Bedeutungsangabe formulieren lässt, zumal - v. a. bei Sprachstufenwörterbüchern - oft nur wenige Belege als Grundlage für derartige Überlegungen existieren.

Den letzten Beitrag zum diesjährigen Kolloquium steuerten die drei Gäste von der Universität Aarhus, Prof. Hans Blosen, Prof. Harald Pors und Prof. Dr. Per Bærentzen, mit einem Resümee über Phraseologie in sprachhistorischen Wörterbüchern bei. Sie fassten noch einmal zusammen, daß sich bei der Frage nach der Festigkeit 'fester Verbindungen' keine klare Definition finden lasse, sondern dass 'bessere' und 'schlechtere' Vertreter vorkommen und bezüglich deren Aufnahme oder Nicht-Aufnahme in ein Wörterbuch oft eine Diskrepanz zwischen Richtlinien und Bearbeitungspraxis vorliege. Da die Terminologie im Zusammenhang mit Phrasologismen sehr uneinheitlich sei, sei es besser, nicht zu stark zwischen unterschiedlichen Typen zu differenzieren, um die Anwendbarkeit der jeweiligen Benennung zu gewährleisten. Phraseologismen seien hinsichtlich der Benutzerfreundlichkeit eines Wörterbuchs eher in einem gesonderten Gliederungspunkt gesammelt abzuhandeln, während Funktionsverbgefüge ggf. unter den konkreten Einzelbedeutungen angesprochen werden könnten, da hier das Nomen i. d. R. noch diese konkrete Bedeutung habe. Bei älteren Sprachstufen ergebe sich zunächst das Problem, Phraseologismen überhaupt als solche zu erkennen und dann ihre Bedeutung zu erfassen. Auch hier gebe es keine allgemeingültige Vorgehensweise, da gerade bei älteren Sprachstufen Erkennen und Verstehen eines Phraseologismus stark von der Beleglage abhängen und somit von Artikel zu Artikel eine andere Ausgangssituation vorliege. Als Fazit sprachen sich Bærentzen, Blosen und Pors dafür aus, dass im Falle eines Widerspruchs zwischen grundsätzlicher Wörterbuchsystematik und Benutzerfreundlichkeit zugunsten der Benutzerfreundlichkeit entschieden werden solle.

Bei der abschließenden Diskussionsrunde zeigten sich alle Teilnehmer des Kolloquiums erfreut über die Möglichkeit eines Austauschs zwischen den Wörterbuchprojekten. Gerade die Erkenntnis, dass viele systematische Schwierigkeiten, wie die Behandlung von Phraseologismen oder die damit zusammenhängende Terminologie, überall vorkommen, begrüßten viele Teilnehmer. Der Austausch untereinander sei besonders hinsichtlich fehlender eindeutiger Lösungen derartiger Probleme und einheitlicher Terminologien in der Fachliteratur hilfreich bei der Wörterbucharbeit, da er neue Denkanstöße bringe, wenn Wörterbuchsystematik und Bearbeitungspraxis einen Konflikt darstellen.

Ch. Gante

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