Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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NEUSTADT AN DER AISCH C.7.

I.

Nivenstat (1285); de nova civitate (1294); iuxta Novam civitatem apud Eisch (1303 cop. 1358); zu den Newen stad an der Eysche (1349) - Burg/Schloß und Stadt - zwei Stadtrandburgen, ein Schloß - zoller. Bgf.en von → Nürnberg (ab 1415 Mgf.en von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach) - vom späten 13. Jh. bis 1486 Nebenres., 1486-1512 und 1527-29 Witwensitz, 1543-55 Hauptres., ab 1556 wieder Nebenres. - D, Bayern, Reg.bez. Mittelfranken, Landkr. N.-Bad Windsheim.

II.

Die zentrale Lage im Herzen Mittelfrankens sowie die Nähe zu den polit., wirtschaftl. und kulturell bedeutenden Städten → Nürnberg, → Bamberg, → Würzburg, Rothenburg und → Ansbach förderten die Entwicklung N.s entscheidend und vermittelten vielfältige Impulse. Hier kreuzte sich die vom Rhein über Frankfurt, → Würzburg, → Nürnberg und → Regensburg bis zum Schwarzen Meer führende wichtige Fernhandelsstraße mit der vom SW nach Mitteldtl. und → Böhmen verlaufenden Magistrale.Beim Transport der Reichsinsignien von → Nürnberg nach Aachen bzw. Frankfurt war N. erste Raststation.

Wohl im 7. Jh. entstand im Zuge der fränk. Landnahme am nördl. Aischufer direkt gegenüber dem späteren N. der Königshof Riedfeld im Rangau (889: fiscus dominicus Reotfeld in Rangovue, von riute gerodete Stelle), der die Furt durch die Aisch an der fränk. Reichsstraße deckte. Spätestens im 11. Jh. gelangte er an das Bm. → Regensburg, anschl. an die ersten Bgf.en von → Nürnberg aus dem Haus der Gf.en von Raabs. Nach deren Aussterben erwarben ihre Amtsnachfolger, die zoller. Bgf.en von → Nürnberg, um 1200 durchHeirat den um Riedfeld gelegenen Güterkomplex der Raabser, den sie durch Klostervogteien (Münchaurach, Münchsteinach 1265), Besitzungen der Gf.en von Hohenlohe und der Herren von Truhendingen sowie durch ksl. Belehnungen kontinuierl. verdichteten. Um ihn gegen Konkurrenten abzusichern, ließ sich Bgf. Friedrich III. 1272 von Kg. → Rudolf die weibl. Erbfolge über den Markt Riedfeld bestätigen und baute dort 1274 eine Pfarrkirche. Wenig später gründete er am Südufer der Aisch unmittelbar gegenüber dem ehemaligen Königshof eine »neue Stadt«.

Diesen strateg. wichtigen Kristallisationskern, der gute Voraussetzungen für weitere Erwerbungen in Richtung auf den Main bot, bauten die Zollern in der Folgezeit kontinuierl. zum lokalen Herrschaftsmittelpunkt aus, der »zentralörtliche Funktionen als Administrations-, Kirchen-, Gerichts-, Handels- und Wirtschaftszentrum wahrnahm« (Mück 1999, S. 33). 1318 fixierte Bgf. Friedrich IV. die bereits bestehenden Stadtrechte. Bei deren Bestätigung 1345 werden erstmals Schöffen, ein Innerer und ein Äußerer Rat, Bürgermeister, Steuer- und Zinsmeister sowie anderestädt. Amtsinhaber erwähnt. Das älteste N.er Stadtsiegel stammt von 1320.

Ab der zweiten Hälfte des 14. Jh.s gewann N. im Rahmen des ehrgeizig nach W vorangetriebenen zoller. Territorialisierungsprozesses weiter erhebl. an Bedeutung, wie u. a. eine steigende Zahl urkundl. belegter Aufenthalte der Bgf.en beweist. 1349 und 1389 wurde N. als einer der Tagungsorte des fränk. Landfriedensausschusses bestimmt. Hier durften die Bgf.en lt. Privileg Ks. → Karls IV. von 1361 Pfennige oder Heller, ab 1372 auch Goldgulden münzen. 1386 bekamen sie von Kg. → Wenzel die Erlaubnis, das Kaiserliche Landgericht Burggraftums Nürnberg in N. abzuhalten. Ab ca.1400 wurde die Stadt Hauptort des verwaltungsmäßig zum Fsm. Kulmbach gehörigen Unterlandes.

Seine Blütezeit erlebte N. als eine von mehreren Nebenres.en, in denen Mgf. (ab 1470 Kfs.) Albrecht Achilles (1440-86) zur Kostenersparnis jedes Jahr turnusmäßig einige Zeit Hof hielt. In der territorialpolit. Auseinandersetzung des Mgf.en mit dem benachbarten Hochstift → Würzburg hatte zudem N. aufgrund seiner grenznahen Lage großen strateg. Wert. Albrecht erweiterte deshalb die Stadt auf die bis ins späte 19. Jh. bestehende Größe und baute die noch aus der Gründungszeit stammende Stadtbefestigung aus.

Bei Albrechts Tod 1486 wählte dessen Gemahlin Anna von Sachsen N. als Witwensitz, den sie zu einer Erziehungs- und Ausbildungsstätte für junge Zollernprinzen und zu einem Musensitz ausgestaltete. Der von ihr unterhaltene Hof umfaßte nahezu alle übl. Hofämter und stand in recht enger personeller Verbindung zur Stadtbevölkerung. Die der Kurfürstenwwe. vertragl. zustehenden Rechte in N. verteidigte sie gegenüber den landesherrl. Ansprüchen ihres Sohnes Mgf. Friedrich d. Ä. energ. und selbstbewußt.

Mit dem Ableben Annas 1512 verlor N. vorübergehend seine Residenzfunktion. Bemühungen der Stadtführung um ihre Wiedergewinnung scheiterten zunächst, bis Mgf.in Susanne, die Gemahlin Mgf. Kasimirs, von 1527-29 gleichfalls ihren Witwensitz in N. nahm. Sie hielt gegen die reformator. Bestrebungen ihres Schwagers Mgf. Georg des Frommen am kathol. Glauben fest und verzögerte so für einige Jahre die vollständige Einführung des Luthertums in der Stadt.

Als ihr Sohn Mgf. Albrecht (Alcibiades) bei der Teilung der mgfl. Lande 1541 das Land ob dem Gebirg erhielt, wählte er nicht dessen traditionellen Mittelpunkt → Plassenburg-Kulmbach, sondern N. als Wohn- und Herrschaftssitz. Seine dortige überdimensionierte Hofhaltung litt allerdings stark unter chron. Geldmangel und Albrechts fehlendem Ordnungssinn.

Die im Markgrafenkrieg von 1553 verursachten Zerstörungen in der Stadt wurden unter Mgf. Georg Friedrich d. Ä. (1556-1603) im Rahmen einer neuen Ausbauphase rasch beseitigt. Dennoch spielte N. als landesfsl. Nebenres. künftig nur noch eine relativ bescheidene Rolle.

III.

Im Lauf von fast drei Jh.en entstanden in N. mehrere Residenzburgen und -schlösser. Nach Angaben des N.er Stadtchronisten M. S. Schnizzer von 1708 ließ Bgf. Friedrich III. 1287 im Rahmen der Stadtgründung eine erste Anlage, die sog. »Kellereiburg« in der Ostecke des heutigen Stadtgebiets, errichten, von der noch Reste der Stützmauern erhalten sind. Vermutl. auf dieses Gebäude bezieht sich ein 1406 zu N. in der groszen burg daselbs, in dem obern sal derselben burg ausgefertigter zoller. Ehevertrag.

Völlig im Dunkeln liegen dagegen die Anfänge des »Alten« oder »Inneren Schlosses«, das wahrscheinl. in der ersten Hälfte des 15. Jh.s unter Kfs. Friedrich I. oder dessen Nachfolger Mgf. Albrecht in der NO-Ecke der Stadt als Nachfolgebau eines früheren »festen Hauses« entstand. Es handelt sich um ein Wasserschloß, bestehend aus einem Rundtum, einem Torgebäude und einem polygon schließenden Kernbau, der durch unregelmäßige jüngere Anbauten hufeisenförmig vergrößert wurde. Derartige Erweiterungs- und Befestigungsarbeiten sind v. a. in den 1470er Jahren belegt. Von denRäumlichkeiten ist außer dem Frauengemach und der Kapelle nur ein gemaltes Stüblein über der großen Turmstube bekannt. Im Markgrafenkrieg 1553 brannte das Alte Schloß aus, die gesamte Einrichtung wurde zerstört, der Gebäudebestand blieb jedoch weitgehend erhalten und wird heute für museale und andere kulturelle Zwecke genutzt.

Unmittelbar daneben errichtete Mgf. Georg Friedrich d. Ä. 1575 das 1626 fertiggestellte, repräsentative »Neue« oder »Äußere Schloß«. Der einflügelige, dreistöckige Bau mit Arkaden im Untergeschoß war ein reinen Wohnzwecken dienendes und daher völlig unbefestigtes Stadtschloß mit Schauseite zur Stadt hin. Das Gebäude brannte 1907 ab, der Turm wurde mehrfach verändert.

In der um 1400 erbauten heutigen Pfarrkirche sind 22 Mitglieder der Zollernfamilie beerdigt. Die letzte Bestattung eines männl. Familienmitglieds erfolgte 1731, 1812/19 wurden die Gräber verfüllt. Stifter des gegen Ende des 15. Jh.s in → Nürnberg gefertigten Hochaltars waren Mgf.in Anna und ihr Sohn Friedrich d. Ä.

Das 1632 abgebrannte »Seckendorff-Schlößchen« in der NW-Ecke der Stadt war durch Bgf. Friedrich III. den Herren von Seckendorff übertragen worden, die jahrhundertelang vielfältige Verwaltungsaufgaben im Dienste der Zollern wahrnahmen.

Die 1488 fertiggestellte, in Teilen noch erhaltene Stadtbefestigung bestand aus einer 1,7 km langen Mauer mit 16 Türmen, verschiedenen Zugbrücken, Bastionen sowie einem durchdachten System von Teichen und Wassergräben. Von den einstmals vier Stadttoren ist nur das an der Straße nach → Nürnberg stehende noch vorhanden.

Das in unmittelbarer Nähe der Stadt gelegene Zisterzienserinnenkl. Birkenfeld ist eine Gründung Bgf. Friedrichs III. und seiner Gemahlin aus der Zeit um 1275. Schutz, Schirm, Jurisdiktion sowie die Sicherung der wirtschaftl. Grundlage durch Stiftungen oblagen den Zollern. Diese stellten auch mehrere Äbtissinnen. Das Franziskanerkl. Riedfeld im Bereich des ehemaligen Königshofes wurde 1458 durch die Mgf.en Albrecht und Johann Alchimista gestiftet und war bis zu seiner Zerstörung im Bauernkrieg für die mgfl. Familie ein beliebter Ort für Ruhe und Gebet.

Sources

Schnizzer, Matthias Salomon: Chronica der Statt Neustatt an der Aysch, sowohl nach ihrem Alten als Neuen Bürgerlich und Kirchlichen Zustand 1708, Druckfassung Neustadt an der Aisch 1938.

Literature

Art. »Neustadt a. d. Aisch«, in: Bayerisches Städtebuch, 1, 1971, S. 47-51. - Mück, Wolfgang: Nivenstat - erste urkundliche Erwähnung der Stadt Neustadt an der Aisch vor 700 Jahren. 1285-1985, Neustadt an der Aisch 1986. - Mück, Wolfgang: Das Barfüßerkloster St. Wolfgang in Riedfeld, in: Königshof Riedfeld-Neustadt an der Aisch 741-1991, Neustadt an der Aisch 1991, S. 49-66. - Mück, Wolfgang: Leben und Tod der Markgräfin und Kurfürstin Anna (1437-1512), geborene Herzogin zuSachsen, in Neustadt an der Aisch, in: Streiflichter aus der Heimatgeschichte, hg. vom Geschichts- und Heimatverein Neustadt a. d. Aisch, Neustadt a. d. Aisch 1992, S. 5-12. - Mück, Wolfgang: Mitten in Franken: Neustadt an der Aisch. Politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum im Aischgrund, Neustadt an der Aisch 1999 (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Fränkische Geschichte. Reihe XIII: Neujahrsblätter, 42). - Rechter, Gerhard: Die Bevölkerung der Stadt Neustadt an der Aisch im Jahre 1497, in: Streiflichter aus derHeimatgeschichte, hg. vom Geschichts- und Heimatverein Neustadt a. d. Aisch, Neustadt a. d. Aisch 1986, S. 9-13. - Seyboth, Reinhard: Neustadt an der Aisch als Residenz der Kurfürstenwitwe Anna von Brandenburg 1486-1512, in: Streiflichter aus der Heimatgeschichte, hg. vom Geschichts- und Heimatverein Neustadt an der Aisch, Neustadt an der Aisch 1990, S. 9-35. - Seyboth, Reinhard: Das Testament der Kurfürstenwitwe Anna von Brandenburg (1437-1512), in: Festschrift Günther Schuhmann, 1990-91, S. 103-112. -Seyboth, Reinhard: Neustadt a. d. Aisch als markgräflich-brandenburgische Residenzstadt im 16. Jahrhundert, in: Streiflichter aus der Heimatgeschichte, hg. vom Geschichts- und Heimatverein Neustadt an der Aisch, Neustadt an der Aisch 1994, S. 7-43.