Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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STEINFURT

A. Steinfurt

I.

Eine erste Erwähnung findet das Geschlecht in einer Urk. von 1129, in der auf die beiden Brüder Rudolf I. und Ludolf I., Edelherren de Steinvorde, hingewiesen wird. Namengebend war wohl die Burg S. (Stenvorde) in der Aa, eine der ältesten Wasserburgen in Nordrhein-Westfalen, die in der gen. Urk. von 1129 ebenfalls ersterwähnt wird. Das Herrengeschlecht starb bereits nach dem Tode Ludolfs VII. von S. (geb. 1379, gest. 1421) in männlicher Folge aus und wurde von der jüngeren Linie der Gf.en von → Bentheim (aus dem Hause Götterswick) beerbt. Mit Arnold IV. von → Bentheim (geb. 1554, gest. 1606) vereinigte letztmalig ein Regent die gesamten Bentheimer Besitzungen in einer Hand. Nach seinem Tode kam es 1606/09 zur Teilung in die Linien Bentheim-S., Bentheim- Tecklenburg, Bentheim-Limburg (bis 1626) und Bentheim-Bentheim.

II.

Die Herren von S. erwarben 1270 die Vogtei über das Damenstift Borghorst, 1279 die Freigft. Laer (seit 1357 ksl. Lehen) bzw. das Gogericht Rüschau und i.J. 1365 die Exklave Gronau. S., ab 1420 dem Bentheimer Erbe zugehörig und seit 1495 durch Auftragung Ks. Maximilians eine Reichsgft., gehörte zur Hälfte dem Bm. Münster. S.er Lehen waren breit gestreut (im westlichen Münsterland um Ahaus, um Münster, im nld. Overijssel und Geldern sowie im angrenzenden südwestlichen Münsterland).

1133 stiftete Rudolf von S. die Kl. Clarholz für die Chorherren und Lette für die Chorfrauen der Prämonstratenser als Doppelkl. Nach Fertigstellung und Weihung der Stiftskirche 1175 wurde Clarholz auch zur Pfarrkirche erhoben.

In hohen geistlichen Ämtern befanden sich einige Mitglieder des Geschlechts S., z. B. Udo (1137 Bf. von Osnabrück), Lutgardis (1301 Äbt. von Borghorst, 1316 Äbt. von Vreden), Balduin von S. (Boldewinus de Stenvordia, 1341-1362 Bf. von Paderborn) und Katharina (1391 Äbt. von Borghorst).

III.

Das Geschlecht der Edelherren von S. führte in einem goldenen Feld einen roten Schwan mit schwarzen Füßen und schwarzem Schnabel im Wappen. Der Schwan war zugl. auch S.er Siegelmotiv.

Neben der Wasserburg S. besaßen die Herren von S. seit Anfang 14. Jh.s auch eine als Schwanenburg (Swaneborch) bezeichnete Anlage im münsterländischen Elte (seit 1975 Stadtteil von Rheine). Sie errichteten diese zu Verteidigungszwecken im Zuge der Auseinandersetzungen mit dem Bm. Münster und den Gf.en von → Tecklenburg um die Festung Rheine. Die Burg wurde 1334 vollständig zerstört.

IV.

1129 bzw. 1133 werden mit dem Edelherrn Rudolf I. und Ludolf I. von S. erste Repräsentanten des Geschlechts greifbar. Eine 1164 ausgebrochene Fehde mit den Herren von Ascheberg mündete in der Zerstörung der jeweiligen Burganlage. Die Verwandtschaft der Edlen von S. mit dem Kölner Ebf. Rainald von → Dassel führte zur Anlehnung an Ks. Friedrich I. und zur Teilnahme am Dritten Kreuzzug (1189-1192). In Folge der Kreuzzüge entstanden in Westfalen mehrere Niederlassungen von Ritterorden, so auch in S. mit der Ansiedlung der Johanniter.

Von Ludolf I. von S. ausgehend setzte sich die Familie weiter fort; dies wird bes. augenfällig durch die Wiederkehr des Namens »Ludolf« in den nachfolgenden Generationen. Das Konnubium der Herren von S. konzentrierte sich u. a. auf westfälische und rheinische Geschlechter wie → Hoya, Wickrath, Bilstein, Broich, von der Mark. Bereits vor der Vereinigung S.s mit → Bentheim (1421) können ab dem 13. Jh. auch vereinzelte Eheschließungen mit weiblichen und männlichen Mitgliedern des Gf.enhauses Bentheim nachgewiesen werden. Erwähnenswert ist die 1370 geschlossene Ehe Peronettes von S. (gest. 1404) mit Gf. Bernhard von Bentheim-Holland (gest. 1421).

Zu Beginn des 15. Jh.s erlosch das Herrengeschlecht von S. in männlicher Linie mit Ludolf VIII. (geb. 1379, gest. 1421). In seiner Regierungszeit erlangte die Auseinandersetzung mit dem Bm. Münster ihren vorläufigen Höhepunkt, als Ludolf VIII. Bf. Otto IV. von Münster besiegte und ihn eine Zeitlang bis zu dessen Befreiung 1396 durch Erich von → Hoya und den Bf. von Paderborn in S. gefangen hielt.

Die 1404 erfolgte Eheschließung seiner Erbtochter Mechthild (gest. 1420, aus der ersten Ehe mit Lukkard von Schaumburg) mit Everwin I. von Bentheim (geb. 1397, gest. 1454) erwies sich als ein gelungener Schachzug Bentheimer Heiratspolitik. Everwins I. 1421 kinderlos verstorbener Großonkel Bernhard von Bentheim-Holland (der mit Perronette von S. vermählt war), hatte ihm bereits die Gft. Bentheim vererbt. Im selben Jahr erhielt Everwin I. auch die Herrschaft S. als Erbe seiner verstorbenen Frau. Nach dem Tode Everwins I. führte die Erbteilung unter seinen beiden Söhnen Bernhard und Arnold zur Herausbildung der Linien Bentheim und Bentheim-S. Im Jahr 1487 schlossen die Erben beider Linien in der Enkelgeneration eine vom Ks. genehmigte Erbvereinigung, die künftig in beiden Linien den Ausschluß der weiblichen Erbfolge vorsah. Infolge ausbleibender männlicher Nachkommenschaft in der Linie Bentheim fiel das entspr. Territorium 1530 an Arnold II. von Bentheim-S. (geb. 1497, gest. 1553), der in erster Ehe mit seiner Verwandten Maria von → Bentheim verh. war. Die Söhne aus Arnolds zweiter Ehe mit Walburga von → Brederode teilten das Erbe nach dem Tod des Vaters erneut in zwei Linien auf. Nach dem Tod des Bentheim-S.er Regenten ohne männlichen Erben in direkter Linie, fiel S. erneut an die Stammlinie Bentheim zurück, die durch Heirat bereits 1557 die Gft. → Tecklenburg und die Herrschaft → Rheda erhalten hatte. Durch das Ableben des kinderlosen Arnold III. von Bentheim-S. gelangte die Gft. S. 1567 wieder an die Linie → Bentheim zurück und wurde mitsamt den anderen Territorien von der verwitweten Erbin Anna von Bentheim für ihren Sohn Arnold bis 1573 vormundschaftlich regiert. Im späten 16. Jh. entwickelte sich dieser als Arnold IV. von Bentheim (geb. 1554, gest. 1606) zu einem der herausragenden Territorialherren des rheinisch-westfälischen Raumes.

Das Haus Bentheim vereinigte in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s. bis zu einer erneuten Erbteilung (1606/1609) die Reichsgft.en Bentheim, S. und → Tecklenburg sowie die dazu gehörigen Herrschaften, Rechte, Titel und Ämter. Wilhelm Heinrich von Bentheim (geb. 1584, gest. 1632) erbte als drittgeborener Sohn Arnolds IV. und Magdalenas von Bentheim die Gft. S. und vermählte sich 1617 mit Anna Elisabeth von Anhalt-Dessau (geb. 1598, gest. 1660). Der Erstgeborene aus dieser Ehe, Ernst Wilhelm (geb. 1623, gest. 1693), regierte über die Gft. Bentheim sowie bis zur Mündigkeit seines Bruders Philipp Konrad (geb. 1630, gest. 1668) auch die Gft. S. Als absehbar war, daß der Regent unvermählt bleiben würde, schien die Sukzession seines Bruders, auch aufgrund einer Erbverbrüderung, gesichert zu sein. Dieses Vertragsziel wurde allerdings durch die 1661 geschlossene Ehe Gf. Ernst Wilhelms mit einer Hofdame gefährdet. Diese unstandesgemäße Ehe mit der bürgerlichen Niederländerin Gertrud van Zelst (geb. vor 1633, gest. 1679) und der einige Jahre später erfolgte Übertritt Ernst Wilhelms vom reformierten zum katholischen Glauben verursachten schwere politische und familiäre Konflikte. Zunächst wurden die Söhne aus dieser Mißheirat von ihrem Erbe, der Nachfolge in der Gft. Bentheim, ausgeschlossen. Mit diesem Ausschluß wurde der Brüdervertrag nach dem Tode Ernst Wilhelms rechtswirksam. Ihm folgte in Bentheim sein ebenfalls zum Katholizismus konvertierter Neffe Arnold Moritz Wilhelm von Bentheim-S. (reg. 1673-1701). 1693 nahm der Gf., zugl. Großkämmerer und Geheimer Rat am kurftl. Hof in Düsseldorf, Besitz von der Gft. Bentheim und überließ seinen unstandesgemäßen Vettern die Gft. S.

Vorausgegangen war diesem Übertragungsakt der »Bielefelder Vergleich« (8. Mai 1691) zwischen den Vettern, der den mittlerweile seit Jahren schwelenden Konflikt um die rechtmäßige Erbfolge in der Gft. Bentheim endgültig beilegen sollte. Doch dieser Vergleich, den der RHR in Wien im Dez. 1691 bestätigte, wurde zur Grundlage eines generationenübergreifend fortgeführten Konflikts mit der Linie Bentheim-Tecklenburg. Der Erbkonflikt konnte im Nov. 1701 in Den Haag endgültig mittels eines weiteren Vergleichs beigelegt werden. Ernst von Bentheim-S. (geb. 1661, gest. 1713) hatte als ältester Sohn aus der Ehe seines Vaters mit Gertrud van Zelst die Garantie auf die Erbfolge in der Gft. Bentheim erhalten, sofern die dort regierende Linie ohne männliche Nachfahren aussterben sollte. Mit der Belehnung der Gft. S. im April 1705 durch Ks. Leopold und der ksl.n Bestätigung der Anwartschaft auf die Gft. Bentheim war die Erbfolge nunmehr rechtsverbindlich geklärt.

Die Landeshoheit über die Gft. S. blieb dennoch strittig: Der Abschluß eines seit dem 16. Jh. vor dem RKG anhängigen Prozesses um die Reichsunmittelbarkeit der Gft. S. führte 1716 wg. hoher Landesschulden zum Verlust der beiden wichtigen Gerichtsbezirke Borghorst und Rüschau an das Bm. Münster. Zugl. erfolgte die Reduzierung der Reichsunmittelbarkeit auf den Bereich von Stadt, Schloß und Kirchspiel S.

Ebenso wie die beiden Linien Bentheim-Tecklenburg und Bentheim-Bentheim war damit auch Bentheim-S. zu Beginn des 18. Jh.s von einschneidenden Territorialverlusten und größeren Finanzproblemen betroffen. Der erst 1821 beendete Erbstreit verlief zu Gunsten der Linie Bentheim-S.

Sources

Döhmann, Karl Georg: Das Leben des Grafen Arnold von Bentheim, 1554-1606. Nach den Handschriften herausgegeben, Burgsteinfurt 1903. – Europäische Stammtafeln, hg. von Detlev Schwennicke, NF, Bd. 8: West-, mittel- und nordeuropäische Familien, Marburg 1980, Taf. 28: Die Herren von Steinfurt. – Inventar des Fürstlichen Archivs zu Burgsteinfurt, Best. A (Allg. Regierungssachen der Grafschaften Bentheim und Steinfurt), hg. von Alfred Bruns, bearb. von Alfred Bruns und Wilhelm Kohl, Münster 1971 (Inventare der nichtstaatlichen Archive Westfalens. NF 5). – Inventar des Fürstlichen Archivs zu Burgsteinfurt, Bestände C, D (Teilbestand), hg. von Alfred Bruns, bearb. von Alfred Bruns und Hans-Joachim Behrmann, Münster 1983 (Inventare der nichtstaatlichen Archive Westfalens. NF 7). – Inventare der nichtstaatlichen Archive des Kreises Steinfurt, hg. von der Historischen Kommission der Provinz Westfalen, bearb. von Ludwig Schmitz-Kallenberg und Karl Georg Döhmann, Münster 1907 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission der Provinz Westfalen, Reihe: Inventare der nichtstaatlichen Archive der Provinz Westfalen, 1).

Literature

Bentheim, Oskar zu: Das Normaljahr 1626 (!) und der territoriale Konflikt zwischen dem Fürstbistum Münster und der Grafschaft Steinfurt, in: Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede. Forschungen aus westfälischen Adelsarchiven, red. Gunnar Teske, Münster 2000 (Vereinigte Westfälische Adelsarchive e.V., 13), S. 67-74. – Berger, Eva: Dem Frieden die Zukunft. Sozialgeschichtliche Beiträge aus dem Kreis Steinfurt: Der Dreißigjährige Krieg und die Hoffnung auf Frieden, Steinfurt 1998. – Döhmann, Karl: Die Siegel und Wappen der Stadt Burgsteinfurt, Burgsteinfurt 1938. – Hengst, Karl: Art. »Balduin«, Edelherr von Steinfurt († frühestens 1362), 1341-1361 Bischof von Paderborn, in: Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches 1198 bis 1448. Ein biographisches Lexikon, hg. von Erwin Gatz, Berlin 2001, S. 543-544. – Hemann, Friedrich-Wilhelm: Art. »Steinfurt«, in: LexMA VIII, 1996, Sp. 99. – Köckeritz, Wolfgang: Die Wasserburg Steinfurt, das Schloß der Fürsten zu Bentheim und Steinfurt in Westfalen, Berlin 1976 (Berlin, TU, Diss.). – Kohl, Wilhelm: 150 Jahre Landkr. Steinfurt 1816-1966. Geschichte der Kreisverwaltung, Burgsteinfurt 1966 (Schriften zur Geschichte und Landeskunde des Landkr.es Steinfurt, 1). – 400 Jahre Arnoldinum 1588-1988, hg. vom Kreisheimatbund Steinfurt, Greven 1988 (Schriftenreihe des Kreisheimatbundes Steinfurt, 6), S. 31-40. – Marra, Stephanie: Allianzen des Adels. Dynastisches Handeln im Grafenhaus Bentheim im 16. und 17. Jahrhundert, Köln u. a. 2007. – Rohm, Thomas/Schindling, Anton: Tecklenburg, Bentheim, Steinfurt, Lingen, in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, hg. von Anton Schindling und Walter Ziegler, Bd. 3, Münster 1991 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung/Vereinsschriften der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum, 51), S. 182-198.