Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SCHÖNBURG

C. Glauchau, Hinter- und Forder-

I.

Gluchowe, Glaucha, Glawchaw, Glauch, Glucha mit seinen Schlössern Hinter- und Forderg., im Tal der Zwickauer Mulde in Sachsen 10 km nördlich der Stadt Zwickau gelegen, war vom 13. Jh. bis 1945 das Zentrum der schönburgischen Herrschaften. Burg und Stadt dokumentieren damit die gut sieben Jh.e umfassende Herrschafts- und Besitzkontinuität eines md. Dynastengeschlechts. Inmitten eines wettinisch dominierten Umlandes konnten die Herren von → Schönburg durch die Lehnsübertragung an die böhm. Krone im 14. Jh. bis zu den Rezessen mit Kursachsen von 1740 rechtlich die Landeshoheit in der Herrschaft G. bewahren. Ursprgl. ein Hauptsitz der Schönburger Herren, wurde G. im Teilungsvertrag von 1566 bis 1611 zum Sitz einer eigenen schönburgischen Linie. Nach Erbstreitigkeiten fiel G. 1615 an die »untere Linie« der Schönburger, die es in den folgenden Jh.en mehrfach teilten.

II.

Wohl gegen Ende des 12. Jh.s (um 1180) wurde auf einem nach drei Seiten steil zur Zwickauer Mulde abfallendem Höhenrücken die Burg erbaut. Der Ortsname (Gluchowe erstmals 1240) läßt auf eine slaw. Vorgängersiedlung schließen. Neben einem Suburbium, das sich zu Füßen der Burg zwischen der westlich gelegenen Furt und dem zur Burg hinaufführendem Mühlberg im O entwickelte, ist ein Wirtschaftshof östlich der Burg belegt. Eine planmäßige Stadtanlage mit quadratischem Markt, welche die Pfarrkirche St. Georg (1256 erwähnt) mit einschloß und an die Burg und ihren Wirtschaftshof grenzte, dürfte um die Mitte des 13. Jh.s erfolgt sein (als stad erst 1335 belegt). In den folgenden Jh.en wurde die Stadt um die »lange Vorstadt« nach N sowie um die »Oberstadt« nach O erweitert. Im 16. Jh. wurde die zerstreute Siedlung auf dem heutig Werdicht unterhalb der Burg zu einem neuen Stadtteil ausgebaut. Zu dieser Zeit (1558) ist G. mit 103 besessenen Bürgern und 102 Inwohnern in der Innenstadt immer noch als kleine Mittelstadt anzusehen, was sie auch bis zur Industriellen Revolution blieb. Rat und Bürgermeister werden 1479 zum ersten Mal erwähnt, sie konnten nie mehr als die Niedergerichtsbarkeit gewinnen. Das 1493 erstmals erwähnte Amt G. umfaßte zugl. die alte Herrschaft und Stadt Meerane. Städtisches Handwerk und Gewerbe profitierten von der Res. So erhielten um 1530 u. a. Plattner, Goldschmiede und Gerber Aufträge vom Hof. Anfang des 16. Jh.s errichteten die Herren von → Schönburg Walk- und Papiermühlen in G. und → Waldenburg. Auf den Vorwerken des Amtes G. wurde Schafzucht betrieben. Die Gründung der G.er Leinweberinnung 1529 durch die Herrschaft, die in Lohnarbeit selbst Leinweberei betrieb, steht am Anfang des wichtigsten Wirtschaftszweiges der Stadt. Leinweberei und Tuchmacherei bildeten bis in das 20. Jh. hinein die Grundlage der G.er Wirtschaft.

III.

Gründer von G. war vermutlich Hermann I. von → Schönburg (gest. 1224/25). Als erster Schönburgischer Herr auf G. läßt sich 1256 der miles nobilis Friedrich I. von → Schönburg (gest. 1290) belegen. Die G.er Burg wird 1335 als vnser vestin Gluchowe huz bezeichnet. Der 1256 erwähnte Palas (in cenaculo Gluchowe) wird im komplett aus Bruchstein mit glattem Fugenverstrich errichteten Ostflügel des Schlosses Hinterg. vermutet. Die dort nachgewiesene halbrunde Apsis sowie einige Spitzbogenfenster stammen allerdings erst aus der Zeit um 1400 und werden der 1489 belegten Schloßkapelle St. Marien zugeordnet. Überreste des 1488 zusammengebrochenen Bergfrieds oder Turms konnten bislang nicht ausfindig gemacht werden. Allerdings ist ein als Spundflasche bezeichnetes bergfriedähnliches Gefängnis im heutigen Ostflügel identifiziert worden. Die laufenden baugeschichtlichen Untersuchungen werden wohl genauere Aufschlüsse zur Baugestalt der Burg bieten. Burg G. diente der gleichnamigen Linie der Schönburger als Res. und war v.a. unter Friedrich XI. von → Schönburg (1341-1389) ab 1359 ein bedeutendes Herrschaftszentrum. 1429/30 wurde G. mehrfach von Hussiten geplündert, wobei die Burg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Als gemeinsamer Herrschaftssitz der drei Brüder Dietrich (gest. um 1445), Veit II. (um 1418-1472) und Friedrich XX. (um 1420-1480) blieb Hinterg. in ständiger Nutzung. Auch nach der Örterung von 1446 blieb G. zusammen mit → Hartenstein in gemeinsamer Verwaltung der Brüder Friedrich XX. und Veit II., die weiterhin alle Res.en gemeinsam nutzten. Erst unter Ernst I. (1458-1489) kann man von einer ausgedehnteren Hofhaltung in G. sprechen. Ernst I. hatte in der Stadt bereits um 1480 eine Schule gegr., die für die üblichen kirchlichen Gesangsleistungen herangezogen wurde. Diese Schule wird auch der berühmte G.er Montangelehrte Georgius Agricola besucht haben. In der Zeit zwischen 1470 und 1485 wurde der Ostflügel des Schlosses umgestaltet und ein großer Festsaal mit gekehlter Balkendecke im Obergeschoß eingerichtet. Zudem entstand ein dreigeschossiger Nordflügel im Stil der obersächsischen Spätgotik mit spitzbogigen, profilierten Portalen und Vorhangbogenfenstern. Im W der Anlage wurde ein sechseckiger Westturm errichtet, der mit Treppengiebeln und Blendbogenarkaden versehen war. Weiterhin wurde ein Treppenturm zwischen dem Ost- und dem aus älteren Wirtschaftsgebäuden und einer Hufeisenbastion bestehenden Südflügel erbaut. Die Vorburg ist auf einer Abbildung des ausgehenden 15. Jh. zu erkennen. Nach dem Tod Ernsts I. beschreibt der Chronist Johannes Lindner Glawche als eine fest wol erbaute burck. Nach einer langen und beispielhaften Vormundschaftsregierung der Wwe. und Jahren der gemeinsamen Herrschaft unter seinen Söhnen, verblieb als letzter überlebender Sohn 1529 Ernst II. (ca. 1486-1534), der sämtliche Herrschaften im Muldental und an der Elbe in einer Hand vereinte. Dieser leitete in den Jahren 1527-1534 weitreichende Baumaßnahmen in G. und → Waldenburg ein. Der Baumeister Andreas Günther aus Komotau verlängerte den Süd- und Nordflügel Hinterg.s nach O, schmückte diese mit Giebeln, Maßwerk, Erkern, sowie mit Gemälden von zwei Landsknechten. Im Ostflügel wurde der Festsaal mit Vorhangbogenfenstern und Sitznischen ausgestattet. An Inneneinrichtung hat sich aus dieser Zeit ein Kamin der Frührenaissance erhalten. Über der Vorburg, die sich östlich Hinterg.s befand, wurde zugl. das Schloß Forderg. errichtet. Andreas Günther erbaute hier einen zweigeschossigen Ostflügel mit Zwerchhäusern, einen kürzeren Nordflügel und in deren Verbindung einen Treppenturm im Stil der Frührenaissance. Ältere Bauten aus der Zeit um 1500 wurden dabei einbezogen. Nach dem frühen Tod Ernst II. und einer erneuten Vormundschaftsregierung erhielt im Familienvertrag von 1556 Georg I. (1529-1585) G. und die inzwischen säkularisierte Kl.herrschaft Remse. In der Zeit um 1550 wurden die Kapelle und die Innenausstattung des Schlosses dem Zeitgeschmack angepaßt. Zu verweisen ist hier u. a. auf zwei gusseiserne Ofenplatten mit römischen Kriegern nach einem Modell von Simon Schröter aus Torgau. Die G.er Linie sollte mit seiner Frau Christine Agnes von Putbus (1549-1608) und seinem Sohn Augustus (1583-1610) aussterben, so daß die Nachfahren seines Bruders Wolf II. aus der »unteren Linie« nach jahrelangem Streit Schloß und Herrschaft für sich sicherten. Aus dem Todesjahren Georgs (gest. 1585) sowie seiner Frau (gest. 1572) sind ausführlichere Raum-, Personal- und Bibliotheksinventare sowie Versorgungsvorschriften vorhanden, nach denen die Wwe. über einen Hofstaat von etwas über 30 Personen, eine eigene Apotheke und eine kleine Bibliothek verfügte. Auch nach dem Aufkauf der G.er und Remser Herrschaft durch Wolf Ernst für 150 000 Gulden i.J. 1615 wurde keine Kontinuität in der Herrschaft erreicht. Nach dem baldigen Tod Wolf Ernsts 1623 erbte dessen Bruder, der studierte und weitgereiste Hans Caspar (1594-1644), eine Hälfte der Herrschaft und erwarb die andere von seiner Familie. Durch die Unbilden des Dreißigjährigen Krieges, Münzverschlechterungen und Teuerungen verschuldete er sich letzten Endes so sehr, daß er 1636 unter kursächsische Sequestration geriet. Die weiteren Teilungen zersplitterten die Schönburger in einzelne Linien und gingen auch an G. nicht spurlos vorbei. Das Schloß zerfiel in Forder-, Mittel- und Hinterg. und selbst die Stadt zerfiel in zwei Jurisdiktions- und Herrschaftsteile. Weitere Umbauten unter den veränderten Rahmenbedingungen des 17. bis 19. Jh. dienten nur der Anpassung des Schlosses an den Zeitgeschmack und betrafen v.a. die Inneneinrichtung. Lediglich Forderg. wurde leicht erweitert. Der 1534 erwähnte Hauptmann (später Regierungsdirektor) und der kassenverwaltende Sekretär sind Kern der in G. beheimateten schönburgischen Gesamtregierung. Diese betonte selbst nach dem Verfall in einzelne Linien die Zentralfunktion G.s.

Literature

Berlet, Ernst: Geschichte der Stadt Glauchau, Bd. 1: Glauchau im Mittelalter und Bd. 2: Glauchau von 1534-1632, Glauchau 1931-1934. – Eckardt, Ernst: Chronik von Glauchau. Eine historische Beschreibung der Stadt, verbunden mit einem Jahrbuche über die wichtigsten Ereignisse und einer Geschichte des Hauses Schönburg, Glauchau 1882. – Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen. Neuausgabe, hg. von Karlheinz Blaschke, bearb. von Susanne Baudisch und Karlheinz Blaschke, 2 Halbbde., Leipzig 2006 (Quellen und Materialien zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 2), S. 255; auch als Digitales Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen im Internet: http://hov.isgv.de/ [26.02.2009]. – Hüttel, Walter: Zur Musikgeschichte der Stadt Glauchau und ihrer näheren Umgebung, hg. von Museum und Kunstsammlung Hinterglauchau, Glauchau 1986. – Müller, Conrad: Schönburg. Geschichte des Hauses bis zur Reformation, Leipzig 1931. – Röber, Wolf-Dieter: Schönburgische Burgen und Schlösser im Tal der Zwickauer Mulde, Beucha 1999, S. 34-54. – Röber Wolf-Dieter: Diverse Aufsätze in der Schriftenreihe Museum und Kunstsammlung Schloß Hinterglauchau. – Schlesinger, Walter: Beiträge zur Geschichte der Stadt Glauchau. Unter Mitarbeit von Thomas Lang hg. von Enno Bünz, Dresden 2009 (Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde. Kleine Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 16). – Schön, Theodor: Diverse kurze Aufsätze in den Schönburgischen Geschichtsblättern. – Wetzel, Michael: zahlreiche biographische Artikel über die Schönburger, in: Sächsische Biographie, hg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Online-Ausgabe: www.tu-dresden.de/isgv/ [27.02.2009].