(1)Etwa sechs Kilometer vom Ursprung der Niers flussabwärts liegt W. am Niederrhein (heute ein Stadtteil von Mönchengladbach). Es hatte keinen Anschluss an die größeren Verkehrsverbindungen, lediglich in der frühen Neuzeit gab es in etwa drei Kilometer Entfernung (heute Mönchengladbach-Odenkirchen) einen Anschluss an die nord-südlich verlaufende Handelsstraße von Köln über Grevenbroich und Mönchengladbach nach Venlo bzw. Nimwegen. Mehr als fünf Kilometer entfernt verlief die west-östliche Fernverbindung von Aachen nach Krefeld. Trotz der schlechten Verkehrslage wurde hier wohl im 9./10. Jahrhundert (ihr Name Wichinrod legt eine Entstehung zu dieser Zeit nahe) eine Burg bzw. Motte angelegt, die erst für den Anfang des 12. Jahrhunderts schriftlich belegt ist.
Spätestens im 12. Jahrhundert war die Herrschaft W. mit ihrem gleichnamigen Hauptort im Besitz einer Linie des Dynastengeschlechts Are-Hochstaden. Der letzte, 1309 verstorbene männliche Erbe der Familie Hochstaden-Wickrath, Otto V., hatte die Herrschaft dem Grafen von Geldern zu Lehen gegeben. Ab 1338 bildete W. ein Mannlehen nach geldrisch-zutphenschem Recht. Die Burg wurde, obgleich sie außerhalb der Grenzen des Territoriums lag, geldrische Landesburg mit ausdrücklichem Wohnrecht des Grafen Lehnsträger war der geldrische Erbkämmerer Wilhelm von Broekhuysen. Bis nach der Mitte des 15. Jahrhunderts blieb W. im Besitz seiner Nachkommen. 1466 wurde die Herrschaft vom geldrischen Herzog verpfändet. Die Witwe Johanns IV. von Broekhuysen, Margaretha von Gymnich, behielt ein Wohnrecht auf der Burg. Nach mehreren Besitzerwechseln gelangte die Herrschaft 1483 an Heinrich von Hompesch (einem hochrangigem Rat Herzog Wilhelms IV. von Jülich-Berg, Besitzer mehrere Ämter und Mitglied des jülich-bergischen Hubertusordens), der sich erst nach Durchsetzung der faktischen Herrschaft ab 1486 Herr zu W. nannte. 1488 trennte Kaiser Friedrich III. W. vor allem als Dank für Heinrich von Hompeschs Unterstützung seines Sohnes Maximilian in Flandern - vermutlich während dessen Gefangensetzung in Brügge - aus dem geldrischen Lehnsverband heraus und machte die Herrschaft reichsunmittelbar. 1502 wurden Heinrichs Stiefsöhne Adolf, Stephan und Dietrich von Quadt mit W. belehnt. Bis zum Untergang des Ancien Regimes blieb die Herrschaft im Besitz dieser Familie, die das Amt des geldrischen Erbdrostes und Erbhofmeisters innehatte.
(2) Die W.er Pfarrkirche, die für das 13. Jahrhundert nachweisbar ist, kann nicht als Siedlungskern angenommen werden, da sie an der Peripherie im Westen auf dem sogenannten Antoniushügel lag. Den Siedlungsmittelpunkt W.s, das 1488 Stadtrechte erhielt und Freiheit genannt wurde, bildete der wahrscheinlich nach Plan errichtete fast rechtwinklige Markt. Eine lückenlose Ummauerung fehlte (stattdessen Schutz durch Wassergräben und wahrscheinlich Palisaden). Schon vor der Stadtrechtsverleihung ist 1439 im Süden ein Tor (Obere Pforte) nachweisbar. Spätestens im 17. Jahrhundert kam ein weiteres im Norden (Untere Pforte) hinzu. Im 18. Jahrhundert wurden jenseits des Unteren Tors 23 Hausplätze, Neustadt genannt, angelegt.
Im 18. Jahrhundert kann man von ca. 350 Einwohnern ausgehen. Etwa 130 (einschließlich der Familienangehörigen) lebten von der Landwirtschaft. Etwa 100 zählten zum Händlerstand (einschließlich der Wirte), ca. 40 zum Handwerkerstand und ca. 20 zum Kleriker- und Lehrerstand (teils mit Familienangehörigen, teils mit Bediensteten). Ungefähr 60 Personen umfasste die herrschaftliche Bedienung und die Verwaltung.
Ein Bürgermeister ist erst seit dem 17. Jahrhundert bekannt. Er achtete auf die Einhaltung der herrschaftlichen Verordnungen, übte die Brandaufsicht aus und inspizierte die Brunnen. Die Bewohner der Freiheit waren Ende des 18. Jahrhunderts von der Dienstpflicht und der Schlosswache befreit.
(3) Zum Bezirk der Pfarre W., die zur Diözese Lüttich gehörte, zählten neben der Freiheit die Siedlungsplätze auf der linken Seite der Niers. Ihr Patronat übten die Herren von W. aus, bis die Kirche in das von Heinrich von Hompesch und seiner Frau Sophia von Burscheid 1491 gestiftete Kreuzherrenkloster inkorporiert wurde. Die Kreuzherren, die der Devotio moderna nahe gestanden hatten, schlossen sich nicht der Reformation an. In der Freiheit blieben die Katholiken in der Mehrheit. In der gesamten Herrschaft machten die Calvinisten, die für ihre Gottesdienste die Kirche von Wickrathberg nutzten, jedoch zwei Drittel der Einwohner aus. Die Kirche in W. blieb herrschaftliche Grablege. Die Kreuzherren errichteten eine renommierte Höhere Schule, die u.a. von Söhnen der katholischen adligen Familien vom Niederrhein besucht wurde.
Unter Wilhelm Otto von Quadt (1717-1785) kam es sowohl zu Konflikten mit den Kreuzherren, insbesondere wegen der von ihm angeordneten Buß- und Bettage (»W.er Wirren«), als auch mit der jülichschen Synode der Reformierten wegen der Besetzung von Pfarrstellen. 1747 wurde W. zum Schutz der Fronleichnamsprozession von kurkölnischen und kurpfälzischen Truppen kurzfristig besetzt.
Die 1670 in der Herrschaft nachweisbaren Mennoniten wurden auf Intervention des Hzg.s von Jülich-Berg vertrieben. Ende des 18. Jahrhunderts lebten 25 jüdische Familien in der Herrschaft, die Mehrheit in Wickrathberg.
(4) Die Burg in W. wurde durch das von 1746 bis 1772 von Wilhelm Otto Friedrich von Quadt das östlich vom Ortszentrum im französischen Pavillonstil errichtete Schloss ersetzt. Es blieb durch Wassergräben abgetrennt. Wilhelm Otto Friedrich gehörte seit 1752 dem Grafenstand an und setzte mit dem Bau ein Zeichen seines Geltungsanspruchs. Die von ihm geforderten Hand- und Spanndienste lösten eine Rebellion der Bevölkerung aus, die 1760 zum Eingreifen kurpfälzischer Soldaten führte.
(5) Das 1488 verliehene Marktrecht verhalf W. nicht zu einer wirtschaftlichen Mittelpunktfunktion. Die beiden jährlichen Märkte hatten keine überlokale Bedeutung.
(6) Trotz der Wahl W.s zur Residenz durch Heinrich von Hompesch und den Herren von Quadt erhielt es kaum größeres Ansehen. Dazu trug auch die ungünstige Verkehrslage bei. In wirtschaftlicher Hinsicht profitierte es ein wenig vom Sitz der Herrschaft durch Aufträge an die ansässigen Handwerker und Lieferungen für die Haushaltung. Soziale Kontakte zwischen den herrschaftlichen Bedientesten und den Bewohnern hielten sich in Grenzen.
(7) Das Archiv der Familie Hompesch befindet sich im Mährischen Landesarchiv in Brünn (Brno/Tschechien) und das der Familie Quadt in Isny/Allgäu. Das Archiv der Herrschaft Wickrath liegt im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland in Duisburg, weitere Unterlagen im Gelderse Archief in Arnheim/Niederlande.
(8)Löhr, Wolfgang: Wickrath, Köln 21998 (Rheinischer Städteatlas, IV, 24). - Schloss und Park Wickrath, red. von Gisbert Knopp, Worms 2005 (Arbeitshefte der rheinischen Denkmalpflege, 63). - Frankewitz, Stefan: Der Niederrhein und seine Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an der Niers, Geldern 2011 (Geldrisches Archiv, 11), S. 89-108.