(1) E. liegt am Niederrhein, ca. drei Kilometer nördlich des heutigen Rheinlaufs auf und an dem Eltenberg (60 m über der Rheinebene), acht Kilometer nordöstlich von Emmerich. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts führte ein Arm des Rheins unmittelbar westlich an E. vorbei. E. wurde zudem von der rechtsrheinischen Handelsstraße von Emmerich nach Arnheim berührt.
Um die Mitte des 10. Jahrhunderts gehörte E. zu den Besitzungen des Grafen Wichmann von Hamaland, dessen auf dem Eltenberg gelegene Burg 944 erwähnt wird. 968 ist an deren Stelle erstmals das von ihm gegründete Damenstift belegt, dessen Äbtissinnen spätestens im 14. Jahrhundert Fürstenrang besaßen und die Landesherrschaft über das kleine E.er Territorium ausübten. Die nordwestlich am Fuß des Berges gelegene Siedlung Niedere. ist erstmals 970 als curtis Heltnon bezeugt (der auf dem Berg gelegene Ortsteil wird als Hoche. bezeichnet).
Ursprünglich besaßen die Äbtissinnen das Recht zur freien Wahl eines Vogts; im Spätmittelalter hatte sich jedoch die Erblichkeit der Vogtei durchgesetzt. Seit dem frühen 15. Jahrhundert begegnen die Herzöge von Geldern als Vögte über das Stift, 1473 ging die Vogtei auf die Herzöge von Kleve über. Nach dem Aussterben des Klever Hauses 1609 fiel die Vogtei an die Kurfürsten von Brandenburg, die seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts politisch starken Einfluss geltend machten. 1802 wurde das E.er Stiftsterritorium säkularisiert und Preußen zugeschlagen; 1811 erfolgte die Aufhebung des Vitusstifts.
Seit dem 14. Jahrhundert ist der Amtmann der Äbtissin nachweisbar, dem unter anderem die Ausübung der Gerichtsbarkeit oblag. Ab dem 15. Jahrhundert findet der Rentmeister Erwähnung. Die Äbtissin und die Kanonissen übersiedelten nach Zerstörung der Stiftsgebäude 1585 in die Stadt Emmerich; erst um 1670 erfolgte die Rückkehr nach Hoche.
(2) Seit dem 10. Jahrhundert begegnen in den Quellen der Burg- bzw. Stiftsbezirk auf dem Eltenberg (Hoche.) und das hiervon ca. ein Kilometer entfernt liegende Niedere. als räumlich getrennte Siedlungskerne. Das Zentrum des Ortes Niedere. bildet der Markt, an dem sich mehrere Straßen kreuzen; hier liegt auch die Pfarrkirche St. Martinus. Ansichten des 17. und 18. Jahrhunderts zeigen deutlich den dörflichen Charakter des Ortes.
Stadtrecht hat E. nie erhalten. Die in der Literatur bisweilen genannte Zahl von 5000 Einwohnern zu Beginn des 15. Jahrhunderts ist vollkommen unglaubwürdig. Die dürftige Quellenlage lässt die gemeindliche Organisation kaum erkennen. Die 1424 erstmals belegten Gerichtsleute - seit der Mitte des 16. Jahrhunderts als Schöffen bezeichnet - treten vor dem 17. Jahrhundert nur selten in Erscheinung.
Die Zollfreiheit der Kaufleute der villa E. in mehreren Orten des unteren Niederrheins wird 1142 genannt. Der jährlich in E. abgehaltene Vitusmarkt findet 1338 erstmals Erwähnung. Das Braugewerbe scheint während des Spätmittelalters der wichtigste Wirtschaftszweig gewesen zu sein.
(3) Das durch Graf Wichmann von Hamaland anstelle einer älteren Burg gegründete Damenstift St. Vitus wurde 968 und 970 durch Kaiser Otto I. in seinen Besitzungen bestätigt und erhielt 973 ksl.en Schutz und Immunität. Die Fäbt.en übten die Herrschaft über das kleine Stiftsterritorium aus. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde der in Teilen erhaltene romanische Kirchenbau errichtet; die Weihe des Langhauses erfolgte 1129. Nach Zerstörung der Gebäude 1585 erfolgte bis 1677 der Wiederaufbau in reduzierter Form. 1669 erklärte Papst Clemens IX. das bisher zur Diözese Utrecht gehörige Stift E. für exemt. Nach der Säkularisation des stiftischen Territoriums 1802 erfolgte 1811 die Aufhebung des Vitusstifts.
Die in Niedere. gelegene Kirche St. Martinus wird in einer auf 1037-1054 zu datierenden, aber verfälschten Urkunde als im Bau befindlich erwähnt. Die dort genannte Unterstellung der Kirche unter das St. Martinistift in Emmerich gilt als nicht glaubhaft. Pfarrer sind ab 1313 belegt; sie wurden durch die Äbtissin ernannt und hatten zugleich ein Kanonikat an St. Vitus inne. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wurde der erhaltene dreischiffige gotische Kirchenbau errichtet. Das Kirchenvermögen unterstand der Aufsicht durch die Äbtissin.
1427 stiftete Ritter Wilhem van Rees einen Schwesternkonvent in Niedere., der vor 1463 die Augustinusregel annahm. 1549 ist ein zum Kloster gehörendes Gasthaus belegt. Nach Zerstörung der Gebäude im Achtzigjährigen Krieg übersiedelten die Schwestern 1613 nach Emmerich.
Die Äbtissin von E. gestattete 1679 die Ansiedlung von Franziskanern in Niedere.; das Kloster diente unter anderem als Stützpunkt der holländischen Mission. Die Aufhebung erfolgte 1811. Die Ursulinen, die sich nach 1735 in E. niederließen, waren in der Mädchenbildung tätig.
Die Stiftung eines Armenhauses, das durch den Pfarrer und die Kirchmeister zu Niedere. verwaltet werden sollte, ist 1567 belegt
1497 wird eine Antoniusgilde genannt, die im selben Jahr eine Vikarie in der Pfarrkirche stiftete; ebenso stiftete 1526 die Anna-und-Katharinagilde eine Vikarie.
(4) Die romanische Stiftskirche und der an ihrer Südseite gelegene Stiftspalas auf dem Eltenberg bildeten ein weithin sichtbares repräsentatives Bauensemble. Nach Zerstörungen wurde die Anlage im 17. Jahrhundert instandgesetzt und um mehrere freistehende Gebäude, darunter das Äbtissinnenpalais (1667) und das Jägerhaus (1633), erweitert. Äbtissin Maria Sophia von Salm-Reifferscheidt (†1674) ließ ihr Wappen über dem Portal der wiederhergestellten Stiftskirche anbringen. Der Südhang des Berges war gärtnerisch gestaltet. Ebenfalls in Hoche. lag das Wohnhaus des stiftischen Amtmanns.
In Niedere. lassen sich kaum Ansätze zu einer repräsentativen Raumgestaltung ausmachen. Ob der Bau der vergleichsweise großzügigen Martinikirche des 15. Jahrhunderts allein von der Gemeinde getragen oder durch die Äbtissinnen unterstützt wurde, ist nicht bekannt. Durch die Förderung von Ordensniederlassungen im 17. und 18. Jahrhundert profilierte sich E. als katholisches Zentrum in unmittelbarer Grenznähe zu den Niederlanden.
(5) Obwohl anscheinend bereits im 12. Jahrhundert Kaufleute in E. ansässig waren, hat der Ort keine weiterreichende urbane Entwicklung erfahren. Stadtrechte sind nie verliehen worden. Lediglich der jährliche Vitusmarkt deutet auf eine überlokale wirtschaftliche Bedeutung hin.
(6) Niedere. war die einzige Ortschaft im kleinen Territorium der Fabt. E. Die Äbtissinnen scheinen nie ernsthaft erwogen zu haben, einen Stadtwerdungsprozess einzuleiten. E. besaß jedoch als Stifts- und Marktort eine gewisse Zentralitätsfunktion. Über die Organisation der E.er Gemeinde und Verbindungen zu bzw. Konflikte mit der Herrschaft ist kaum etwas bekannt.
(7) Kommunales Archivgut hat sich nicht vor dem 19. Jahrhundert erhalten. Das Archiv des Damenstifts St. Vitus in Hochelten liegt zum größten Teil im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, in Duisburg. Die meisten Akten haben bei der Auslagerung während des Zweiten Weltkriegs schwere Schäden erlitten. Im Bistumsarchiv Münster lagern die Pfarrarchive von St. Martinus Niederelten und St. Vitus Hochelten.
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