Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SAVOYEN, HZG.E VON

I.

Nachdem die Chronik von Hautecombe i. J. 1342 als Stammvater des Hauses von S. einen Gf.en Humbert »Weißhand«, der um das Jahr 1000 gelebt haben soll, identifiziert hatte, nahm i. J. 1419 der offizielle Geschichtsschreiber des Hzg.s Amadeus VIII. gar einen sächs. Ursprung für das Herzogshaus an. Dessen erster Repräsentant, eben jener Gf. Humbert, stamme in der Tat von einem alten Hzg. von Sachsen mit Namen Berold ab. Dieser Mythos der sächs. Abstammung der Fs.en von S., typ. für das späte MA, wurde seitdem lange Zeit als den Tatsachen entspr. angesehen. -Wenn sich jedenfalls auch Anfang des 11. Jh.s die fsl. Dynastie herauszubilden begann, identifizierte sie sich doch nicht vor Ende des folgenden Jh.s mit der Gft. S. In den Urk.n aus der Zeit um die Jahrtausendwende erscheint Humbert ledigl. als comes. Vom Ende des 11. Jh.s an begannen seine Nachfolger, die Humbertiner, sich manchmal Gf.en von Belley, dann Gf.en von Maurienne oder, seltener, von S. nennen zu lassen. Die fsl.Anrede bildete sich im Lauf des 12. Jh.s heraus, um nach der Integration eines Teils der polit. und territorialen Erbschaft des arduinid. Mgf.en im Tal von Susa und anläßl. der Errichtung eines Paßstaates in den Westalpen von den Jahren 1140 bis 1150 erstmals eine dauerhafte Definition zu erfahren, näml. die eines »Grafen von Maurienne und Marquis von Italien«. Erst Anfang der zwanziger Jahre des 13. Jh.s gab die gfl. Kanzlei den Titel »Graf von Maurienne« zugunsten des comes Sabaudie auf. Diese Bezeichnungstellt seitdem und für die folgenden beiden Jh.e den gebräuchl. Titel dar. In diesem Zusammenhang wird verständlich, wie die Etymologie des Wortes Savoia sowohl von den ital. Humanisten des 14. Jh.s (Fazio Degli Uberti) als auch in den Urk.n und den savoy. Chroniken des späten MA im Sinne von salva via gedeutet werden konnte, in unmittelbarem Bezug zum Ausbau der savoy. Kontrolle über Täler und Alpenstraßen. 1416 schließl. wurde dem Gf.en von S., Amadeus VIII., vom Ks. der Herzogstitel verliehen, was den Fs.en von S. erlaubte, ihrerseits Gft.en zuetablieren (erster Fall 1424).

II.

Der erbl. und territoriale Ursprung der Dynastie hat seine Wurzeln im Zerfall des rudolfin. Kgr.s → Burgund und in der regionalen Verankerung der »neuen Mächtigen« des 11. Jh.s. Dank ihrer Verbindungen, die auf treuer Gefolgschaft, auf Ämtern und auf der Verwandtschaft mit dem letzten burgund. Kg. Rudolf III. beruhten (eine nahe Verwandte des Gf.en Humbert, wahrscheinl. sogar seine Schwester, war die zweite Frau Kg. Rudolfs), gelang es Humbert, seinen Brüdern und seinen Söhnen, sowohl als Gf.en und Bf.e (von Belley und Aosta) als auch als Äbte (vonSaint-Maurice d'Agaune) im Zentrum des alten Alpenkgr.es Fuß zu fassen. Ihre ältesten bekannten Güter, die sie als Allod besaßen oder der kgl. Freigebigkeit verdankten, lagen ohne wirkl. geograph. Zusammenhang im Viennois und im Bm. Belley wie auch in Maurienne, im Chablais und in S. selbst. Infolge der Heirat eines Sohnes von Humbert, Odon, mit der Mgf.in Adélaide, Erbin der Verfügungsgewalt der Ardinuiden über das Tal von Susa, eröffnete sich seit Ende des 11. Jh.s der Weg zu einem Vordringen der Savoyer in die Poebene. Von nun an - und im Verlauf des 12. und der ersten Hälfte des 13.Jh.s immer deutl. - legten die Gf.en von Maurienne-S. die Grundlage für eine Art Paßstaat in den Westalpen, der sowohl das obere Tal von Aosta als auch die Täler von Susa und Maurienne sowie einen Teil des Chablais, von S. selbst und des Viennois (Schlüsselrolle in der Kontrolle der Gebirgspässe - der beiden Sankt-Bernhard-Pässe und des Mont-Cenis - wie auch der Alpenschluchten) einschloß. Der savoy. Aufschwung gewann im 13. Jh. (unter den Gf.en Thomas II., † 1259, Pierre, † 1268, und Philippe, † 1285) ebenso durch die Etablierung internationaler Beziehungen (mehrere Mitglieder der Dynastieweilten am engl. Hof) an Gestalt wie auch durch die Schaffung interner administrativer Strukturen in dem entstehenenden Fsm. (territoriale Ämter - die Bgft.en -, von denen die Rechnungsbücher ab Mitte des 13. Jh.s überliefert sind; klass. zentrale Verwaltungsapparate der Justiz, der Finanzen und der Kanzlei). Im 14. und 15. Jh. stellte sich die Dynastie S., reich an Schlössern und Domänen, an Vasallen und Amtsträgern, als einer der wichtigsten fsl.n Protagonisten des Alpenbogens dar. In diesem Zusammenhang spielten die Savoyer, v. a. unter der Herrschaft von Amadeus V. († 1323) und Amadeus VI.(† 1383) - letzterer ging als Sieger aus dem Kampf um den Einfluß mit der ab 1349 frz. Dauphiné (Vertrag von Paris 1355) hervor -, während des Hundertjährigen Krieges eine entscheidende Rolle auf dem europ. Schachbrett. Gleichzeitig gelang es diesen Fs.en, einen geograph. Zusammenhang zw. ihren einzelnen Staaten um die alpinen Wegachsen wie auch im Umkreis des Genfer Sees herzustellen. Seit Ende des 14. Jh.s erlebte ein tatsächl. Fürstenhof seinen Aufschwung in S.; unter Amadeus VIII. (1393-1451) konnte er durchaus mit dem Hof von → Burgund konkurrieren. Mitte des 15. Jh.s allerdingsfiel die Dynastie neuen polit. und milit. Schwierigkeiten zum Opfer, die in ihrer unsicheren geopolit. Situation begr. waren, gelegen auf halbem Weg zw. der frz. und der milit. und finanziellen Macht der ital. Regionalstaaten, an erster Stelle des Hzg.s von Mailand. Diese Probleme verschärften sich bis 1536, als fast alle savoy. Gebiete unter frz. Kontrolle fielen. Erst die im Vertrag von Câteau-Cambrésis 1559 festgelegten Entscheidungen erlaubten es Hzg. Emmanuel Philipp, die Kontrolle über seine Staaten wiederzuerlangen, die von da an das gesamte Ancien Régime überdauertenund sogar darüber hinaus als Kgr. Piemont-Sizilien, dann Italien fortbestanden.

Die Macht der Fs.en von S. gründet sich also auf eine mehrere Jh.e hindurch wirksame Dynamik, die die Mittel der Kontrolle über den Grundbesitz, der Heiratspolitik und der Lehnsbeziehungen kombinierte. Um einen harten Kern, bestehend aus den Allodialbesitzungen und den ersten von Rudolf überlassenen Gebieten, gruppierten sich zur gleichen Zeit die Erwerbungen durch verschiedene Hochzeiten der Fs.en (so das Tal von Susa) und durch milit. Aktionen (wie Turin, wo die Savoyer 1280 endgültig Fuß faßten), durch polit. Austausch von Gebieten (Faucigny gegen einen Teil des Viennois gemäß demVertrag von 1355) und durch an Lehen geknüpfte Strategien (polit. Nutzung vasallit. Verbindungen über den Umweg heimfallender Lehen, v. a. im 13. Jh.), bis zur Übergabe ganzer Gemeinden Ende des MA (z. B. Nizza i. J. 1388). Unter einem institutionellen Gesichtspunkt zeigt dies, daß die Savoyer seit dem 12. und 13. Jh. sowohl als mächtige Territorialherren erscheinen als auch als Besitzer von Schlössern, die in ebensoviele administrative Hauptorte zu verwandeln sie sich bemühten (Bgft.en, bailliages) als auch als feudal-vasallit. Lehnsherren (ein baronider Lehnshof istseit den ersten Jahrzehnten des 12. Jh.s nachgewiesen). Ihre Zugehörigkeit zum Reich, ein Erbe, das sie von den rudolfin. Kg.en von → Burgund übernommen hatten, erlaubte ihnen u. a., sowohl ihre polit.-rechtl. Legitimität als auch ihre territoriale Macht zu verstärken: sie waren lange Zeit ksl. Vikare, am genauesten bestimmbar im 13. Jh., dauerhafter noch nach 1365, bevor schließl. ihr Fsm. in einer Zeremonie unter Anwesenheit Ks. Sigismunds i. J. 1416 zu einem Hzm. des Reichs erhoben wurde. Darüber hinaus drückte sich das Selbstbewußtsein der Savoyer auch in der Teilnahme anverschiedenen Kreuzzügen vom 12. bis ins 14. Jh. aus; einer der illegitimen Brüder des Gf.en Amadeus VIII., Humbert, wurde in Folge der Schlacht von Nikopolis 1396 gefangengenommen.

III.

Das Wappen der Savoyer tritt seit dem 12. Jh. in Erscheinung. Es handelt sich um einen schwarzen Adler in goldenem Feld, also um eine offensichtl. Ableitung vom Wappenmotiv des Reichs, und v. a. um das weiße Kreuz auf rotem Grund, erstmals nachgewiesen für das Reitersiegel Amadeus' III. i. J. 1143. Die Frühzeitigkeit und die Bedeutung der Verbindungen der zukünftigen Gf.en von S. mit dem Reich ist vom 11. Jh. an durch die Gabe eines Ringes nachgewiesen, den Heinrich IV. den Humbertinern in ihrer Funktion als kgl. Äbte von Saint-Maurice d'Agaune schenkte. Inden folgenden Jh.en wird dieser Ring umso mehr dazu dienen, die fsl. Staatssymbolik zu bereichern. Außerdem trägt das Stammwappen das Motto FERT (höchstwahrscheinl. im Sinne von »unterstützen« oder »tragen«), angeschlossen an das Emblem des Liebesknotens. Ihr Auftreten steht höchstwahrscheinl. in direktem Zusammenhang mit der Einrichtung des ersten fsl. Ritterordens, dem Orden vom Collier, später Annonciade, gegr. 1364 in Avignon durch Amadeus VI. beim Aufbruch zum Kreuzzug. Inzw. hatten sich die Fs.en von S. eine Nekropole eingerichtet, nämlich dasZisterzienserkl. von Hautecombe am Ufer des Sees von Bourget; wo die savoy. Gf.en, später Hzg.e, bis wenigstens in die Mitte des 15. Jh.s. bestattet wurden wie auch eine Anzahl ihrer Verwandten, angefangen bei Humbert III. († 1189). Die Savoyer kontrollierten niemals vollständig die wichtigsten Bm.er in den Westalpen, weder Grenoble noch → Lausanne oder → Genf; dennoch verfolgten sie in diesen Gebieten eine bemerkenswerte Kunstpolitik. Die Strategie der Savoyer, Prachtbauten zu errichten, äußerte sich v. a. in der Erbauung und Verschönerung befestigter schloßartiger Res.en, derenAnzahl die lange Zeit geübte Mobilität des fsl. Hofes widerspiegelt: Montmélian, in S. selbst gelegen, zw. dem 12. und 13. Jh.; das Schloß von Bourget, v. a. unter der Herrschaft Thomas' II.; an der Wende zum 15. Jh. das Schloß (und die Ermitage) von Ripaille; von den dreißiger Jahren des 15. Jh.s an das Schloß und die Sainte-Chapelle von Chambéry. Das 15. Jh. war auch das Jh. des künstler. Aufschwungs des Hofes von S. Die Savoyer hatten seit dem 14. Jh. eine umfangr. und gut sortierte Bibliothekeingerichtet, das kulturelle Erblühen des Hofes fiel jedoch v. a. in die Herrschaftszeit Amadeus' VIII. (Gf., seit 1416 Hzg., Papst des Konzils von → Basel i. J. 1439), der in seinen Diensten einige große europ. Künstler und Literaten versammelte. Der savoy. Hof bildete eine der wichtigsten künstler. Zentren der Epoche; er wurde frequentiert von Chronisten und Komponisten, Malern, Bildhauern und Dichtern mit großem Ruf, die oft von weither kamen. Der pikard. Chronist Jean d'Orville, gen. Cabaret, späterer Biograph des Ludwig vonBourbon, wurde von Amadeus VIII. ersucht, eine erste große Chronik der Dynastie in frz. Sprache zu schreiben (1419). Nachdem er unter der Leitung von Claus Sluter auf der bedeutenden Baustelle der Kartause von Champmol gearbeitet hatte, leitete der Brüsseler Jan Prindal in den Jahren 1410 bis 1420 die Baustelle der hzgl. Kapelle von Chambéry. Ungefähr von 1413 bis 1440 arbeitete der Maler Gregorio Bono aus Venedig als pictor domini für Amadeus VIII. im Zentrum des Fürstenhofs, ebenso wie vor ihm der Florentiner Giorgio dell'Aquila Mitte des 14. Jh.s. Der Kantor derhzgl. Kapelle, Guillaume Dufay, gebürtig aus dem Hennegau, vom burgund. und päpstl. Hof kommend, arbeitete mit Unterbrechungen zw. 1434 und 1435 und dann noch einmal 1448 in der Sainte-Chapelle zu Chambéry. Zur selben Zeit führten der Freiburger Jean Bapteur und sein Gehilfe Péronet Lamy ebenfalls für Amadeus VIII. die großartig gemalten Bilder der Apokalypse aus, gen. l'Escorial. Eine wahre Dynastie von schwäb. Malern, die Witz, betätigte sich ebenfalls im savoy. Gebiet. Der erste und bekannteste unter ihnen, Konrad, war in den 1440er Jahren Urheber des berühmten Altarbildes mit demFischzug des Petrus, der ältesten naturalist. Darstellung des Genfer Sees und der Alpen. Schließl. verfaßte der Normanne Martin le Franc, päpstl. Protonotar und Domherr der Kathedrale von → Lausanne, 1447 bis 1448 anläßl. der Erhebung Hzg. Amadeus' VIII. zum Bf., einen Klassiker der höf. Literatur: »L'Estrif de Fortune«.

IV.

Jenseits der fiktiven Genealogie, die im späten MA aus den Savoyern die Abkömmlinge und Erben des sächs. Hzg.s Berold machte, bildete sich die Dynastie im 11. und 12. Jh. unter dem Zeichen des Gf.en Humbert und seiner Nachfolger, der Humbertiner, heraus. Die Humbertiner waren rudolfin. Gf.en, dann Vasallen des Reichs, deren grundherrl. und polit. Macht sich in den Westalpen im HochMA verstärkte. Ursprung ihrer Macht war eine Reihe von Gütern und Rechten - allodialen und gfl., bfl. und lehnsherrschaftl. -, verteilt auf das Viennois und das Bm. von Belley,das Gebiet um die alte Abtei Saint-Maurice d'Agaune, das Bm. von Aosta und S. selbst. Ein erstes Ausgreifen in den Alpenraum fand zw. dem Ende des 11. Jh.s und dem Anfang des 12. Jh.s statt, als das savoy. Geschlecht, das sich noch nicht dauerhaft in einem einheitl. und von der väterl. Linie bestimmten Stamm geformt hatte, im Tal von Susa Fuß faßte.

Am Ende des 12. Jh.s verstärkten die Gf.en von S., deren Verbindungen zum Ks. sich gefestigt hatten (Allianzen und Konflikte, v. a. mit Friedrich I.), den terrritorialen Zusammenhang ihrer Macht. Die Savoyer entwickelten Anfänge einer lokalen Administration (die ersten Bgf.en) und schlossen eine Reihe von polit. Übereinkünften mit den anderen Regionalherren (1191 teilten sie sich die Gerichtsbarkeit mit dem Bf. von Aosta). Im 13. Jh. bildete die fsl. Dynastie feste Strukturen aus. Sie erweiterte ihre geograph. Einflußsphäre: die savoy. Beschlagnahme des Waadtlandes dank einer Kampagne vonBelehnungen, zielbewußt geführt vom Gf.en Peter in den vierziger Jahren des 13. Jh.s, leitete eine lang anhaltende Phase polit.-milit. Konkurrenz zu den → Habsburgern ein, ihren östl. Nachbarn; in westl. Richtung zeigte sich dies im Vordringen in Bugey und Bresse; nach S hin in der Niederlassung in Turin i. J. 1280. Ebenfalls in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s gründeten die Savoyer zahlr. neue Städte, ein Spital in Morges unterhalb von Conflans und Saint-Julien in Romont, während sie gleichzeitig ihre Dynastie auf die Patrilinearität und auf die Primogenitur hin ausrichten. Diese doppelteStrategie, gerichtet einerseits auf die geograph. Expansion, andererseits auf die Strukturierung der Dynastie, führte rasch zur Entstehung der ersten fsl. Apanagen. Es handelte sich zunächst um die Apanage des Piemont, regiert von den Erben Thomas' III. († 1282) mit dem Titel »Prinzen von Achaia«, dann um die Apanage des Waadtlandes, in den Händen eines jüngeren Bruders des Gf.en Amadeus V., Ludwig und seiner Erben, die bis 1359 Barone des Waadtlandes waren; in diesem Jahr kaufte der Gf. von S., Amadeus VI., die Baronie zurück.

Vom 13. Jh. an erscheint die Gft. S. als Fsm. des Reichs, das mitten im polit. wie administrativen Aufschwung begriffen war: Einrichtung eines Netzes von Bgft.en und Ämtern (bailliages); nach Erwerb der Burg i. J. 1295 dauerhafte Festlegung der wichtigsten zentralen Verwaltungsapparate in Chambéry, das so zum administrativen Hauptort wurde; Verkündigung der fsl. Statuten von den ältesten, die auf Peter II. zurückgehen und aus den 1260er Jahren stammen, bis zu den bekanntesten, den »Decreta Sabaudiae Ducalia«, verkündet von Amadeus VIII. i. J. 1430. Vom 14. bis15. Jh. verstärkten die Gf.en (ab 1416 Hzg.e) von S., ksl. Vasallen und Stellvertreter, den Zusammenhang ihrer Staaten. 1355 erlaubte der Vertrag von Paris, die im Viennois gelegenen savoy. Bgft.en gegen das mittlerweile zu Frankreich gehörende Faucigny in der Dauphiné auszutauschen; i. J. 1402 erlangte Amadeus VIII. die alte Gft. des Genfer Gebiets zurück, ebenso wie es ihm 1418 gelang, die piemontes. Apanage Achaia den Territorien seines Fsm.s einzugliedern. Zur gleichen Zeit verstärkten die Savoyer dank der Übergabe von Chieri und Cunoe, von Nizza (1388) und Vercelli (1455) auch ihreHerrschaft in Norditalien und an den Küsten des Mittelmeers. Von der Mitte des 15. Jh.s an wurde dieser savoy. Expansionismus jedoch von den mehrere Jahrzehnte andauernden inneren Spannungen (Konflikte am Hof; neue Apanagen von → Genf und Romont) und äußeren Schwierigkeiten abgelöst. Dies führte zunächst nahezu zum Verschwinden des savoy. Fsm.s im Verlauf der frz. Invasion von 1536. Später zog dies, im neuen Kontext der Staaten im 16. Jh., eine territoriale, polit. und administrative Rekonstruktion nach sich, die den Anstrengungen des Hzg.s Emmanuel Philipp zu verdanken war.

Vom 11. bis zum 15. Jh. läßt sich der europ. Rang der savoy. Dynastie an ihrer Heiratspolitik ablesen. Bei all diesen Ehen handelte es sich um Verbindungen mit dynast., fsl., selbst kgl. oder ksl. Ehepartnern. Tatsächl. waren die Verbindungen zw. den Savoyer und den anderen europ. Dynastien sehr alt. Außer der wahrscheinl. Ehe einer Humbertinerin mit dem letzten Kg. von → Burgund, Rudolf III., um das Jahr 1000 hatte im 11. Jh. eine Tochter des Gf.en Odo Ks. Heinrich IV. geheiratet. Im 12. Jh. wurden savoy. Allianzen durch Ehen mit dem frz. Kg. Ludwig VI., den Zähringern und demKg. von Portugal beschlossen. Zum 13. Jh. erinnerte sich Dante selbst an Beatrix von S., Schwester mehrerer savoy. Gf.en, Gattin von Raymond Bérenger aus der Provence und Mutter von vier Kg.innen: von England, Frankreich, dem Deutschen Reich - durch eine Heirat mit → Richard von Cornwall - und Neapel. Die Verbindungen zu England erwiesen sich als die festesten: mehrere Onkel der Kg.in Eleonore, unter ihnen der künftige Gf. von S. Peter II. ebenso wie sein Bruder Bonifatius, Ebf. von Canterbury, weilten lange in England und empfingen dort Gunst und Güter. Im 14. und 15. Jh. entwickeltensich v. a. die Verbindungen der Fs.en im frz. (Bourbon, Berry, Bretagne) und burgund. Milieu (→ Brabant, Flandern, → Burgund): die wichtigste unter diesen Ehen war diejenige, die 1355 Amadeus mit Bonne de Bourbon vereinte, die zweimal zur Regentin des Fsm.s S. ernannt worden war. Gleichzeitig vernachlässigte die savoy. Heiratspolitik aber auch die Öffnung zum Deutschen Reich keineswegs, was die Heirat von Katharina mit Leopold von Österreich i. J. 1315 oder, i. J. 1328, von Beatrix mit Heinrich, dem Hzg. von Kärnten, zeigt; beide Ehen waren darauf ausgerichtet, den Aufschwung derhabsburg. Macht besser kontrollieren zu können. An der Wende zum 15. Jh. und im Zusammenhang mit der Expansion des Fsm.s in die Poebene festigen sich die Verbindungen zu Italien durch die Heirat von Bona von S. mit dem Hzg. von Mailand, Philipp-Maria Visconti. Schließl. erfolgten trotz zahlr. dynast. und polit. Schwierigkeiten auch Anfang des 16. Jh.s die Ehen immer noch in sehr gehobenen Kreisen: der Hzg. von S., Philibert II., heiratete in der Abtei von Romainmoutier Margarethe von Österreich, während sich sein Bruder und Nachfolger Karl III. mit Beatrix von Portugal vermählte.

Quellen

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Literatur

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