Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Versorgungsgebäude und Einrichtungen

In den Handbüchern wie in der Literatur zu Burgen, Schlössern und Res.en nehmen die Versorgungsgebäude und die dazu benötigten Einrichtungen meist nur einen geringen Raum ein, während sie bspw. in den Baubeschreibungen der frühen Neuzeit noch ausführl. vorgestellt wurden. Allerdings kann ihre hohe Bedeutung für das adlige Leben und das der übrigen Bewohner und Bediensteten nicht bestritten werden. Grundsätzl. richteten sich Zahl und Größe derartiger Räume und Gebäude nach dem Funktionszweck der Anlage, der wiederum Wechseln unterliegen konnte. Präzise rekonstruierbar sind die Räume ohnehin nur durch tradierte Inventare, da die Raumnutzung vieler Anlagen mehrfach verändert worden ist. Wichtig ist zudem, ob jeweils ein landwirtschaftl. Betrieb integriert war, ob die Anlage des weiteren als Wirtschaftszentrum genutzt worden ist, und somit auch die Abgaben der Hintersassen hier zumindest vorerst eingelagert werden mußten. Wurden aber in einer Burg diese Naturalabgaben gesammelt, waren entspr. große Getreidekästen oder -speicher und Ställe (speziell für Hühner, Gänse etc.) notwendig. Von diesen wiederum transportierten Beschäftigte oder angeworbene Fuhrleute die Lebensmittel in die jeweiligen Verbrauchszentren.

Handelte es sich aber um Res.en in Städten, konnte die dort vorhandene Infrastruktur genutzt werden. Durch den tägl. Marktzugang war es möglich, die Vorratshaltung zu reduzieren. Dies eröffnete andererseits die Möglichkeit, die Gebäude stärker auf Repräsentationszwecke hin zu konstruieren.

Ein zentrales Problem schon bei der Errichtung von Burgen und Schlössern war die Versorgung mit frischem Wasser, denn dieses mußte prinzipiell in ausreichender Menge zur Verfügung stehen und möglichst auch im Falle von Belagerungen, da ansonsten die Besatzung gezwungen war, rasch aufzugeben. Als sicherste Lösung sind Grundwasserbrunnen zu nennen, deren Bau sich aber als ausgesprochen kostenintensiv und techn. schwierig zu bewältigen erweisen konnte.

In allen Anlagen ist weiterhin mind. eine Küche zu finden, um hier die Nahrung für die Bewohner zuzubereiten. Größe und Ausstattung der Küchen, fast immer in der Nähe von Keller bzw. Vorratsräumen und dem Saal zu finden, variieren deutlich. Noch zum Grundbestand zumindest der zentralen Anlagen mit einer größeren Anzahl von Herren und Bediensteten zählen Backhaus und verstärkt seit dem 15. Jh. Brauhaus sowie Fruchthaus, ergänzt mit einer unterschiedl. Anzahl von Wirtschaftsräumen und -gebäuden. Im Rheinfelser Schloß Lgf. Wilhelms IV. dienten 1584 folgende Räumlichkeiten Versorgungszwecken: eine Küche mit Stube, eine Speisekammer und zwei Kammern, eine Kräuterkammer, ein Waschboden (wohl zum Trocknen), eine Apotheke, eine Schneiderei, eine Badestube, eine Silberkammer, eine Büttelei, ein Backhaus, eine Brotkammer, ein Waschhaus, eine Schreinerei, eine Schmiede, ein Brauhaus und für verwaltungstechn. Zwecke eine Rentkammer und eine Kanzleistube. Dazu kam der Marstall, in welchem sich immerhin ein eiserner Ofen befand. Im Inventar nicht verzeichnet, aber anderwärts belegt sind Malzböden, Schlachthaus, Kuhställe, Hundestall, Hühnerstall, Kellerräume und Brotkammer. Hier zeigt sich eine breite Ausdifferenzierung von Räumen und Gebäuden, die sich längst nicht in allen Anlagen findet. Zusätzl. wäre die Schatzkammer zu nennen, in einer erweiterten Begrifflichkeit auch das Archiv, denn eine verstärkte Verschriftlichung läßt sich in Adelskreisen spätestens seit dem 15. Jh. feststellen.

Dienten bis ins 16. Jh. hinein die meisten Kammern neben ihrer Funktion als Schlafstätten noch der Unterbringung von Inventar wie Tischtüchern, Bettlaken und -decken, Teppichen, Geschirr, Wäsche Handtüchern u. a., bildete sich mit gestiegenen Ansprüchen an die Wohnkultur neue Formen heraus: Dominierte im S des Reiches eine Kombination aus einer Stube und Kammer als Wohneinheit, war es in Norddtl. seit dem ausgehenden SpätMA eine Stube mit zwei Kammern. Diese waren in beiden Fällen nunmehr von den Versorgungsräumen getrennt.

Räuml. neben den adligen festen Häusern in den Kommunen Norddtl. gelegen – die im 14. Jh. aber überwiegend aufgegeben worden sind – lassen sich Wirtschaftsgebäude nachweisen, die landwirtschaftl. genutzt worden sind. Allerdings kann nicht mehr rekonstruiert werden, ob von dort aus tatsächl. im näheren Umland der jeweiligen Stadt Agrarwirtschaft betrieben worden ist oder ob die Gebäude als reine Lagerstätten dienten, und hier ähnl. Klosterhöfen die Agrarprodukte verkauft wurden; sicherl. sind auch beide Funktionen nebeneinander nicht auszuschließen.

Dürers Vorstellung einer zeitgenöss. kgl. Idealstadt mit Festungscharakter hingegen sieht die Häuser der Adligen als herrscherl. Sachwalter neben dem Rathaus an hervorgehobener Stelle der Stadt, dazu kommen zwei große Zeughäuser für die Geschütze mitsamt Zubehör und weiteren Rüstungsgütern. In deren großen, tiefen Kellern sollen Getränke eingelagert werden, die Dachböden sind darüber hinaus als Getreidespeicher vorgesehen. Überhaupt sollen die Vorräte auch der sonstigen Stadtbewohner für ein Jahr ausreichen. In einem weiteren Vorratshaus sind Schmalz, Salz, Dörrfleisch und sonstige Lebensmittel gelagert, während der Dachboden wiederum als Speicher für Hafer, Gerste, Weizen, Hirse, Erbsen, Linsen und ähnl. dient. Panzer- und Waffenmacher wie Sporer müssen wohl zunächst die Bedürfnisse des Hofes befriedigen. Sämtl. weiteren für die Grundbedürfnisse der Herren und der übrigen Bewohner notwendigen Handwerker finden in den Plänen Dürers ebenfalls ihren Platz.

Die für den landwirtschaftl. Betrieb benötigten Gebäude wie Stallungen und Pferche für Pferde, Ochsen, Rinder, Kühe, Schafe, Ziegen und Esel sowie Scheunen, Getreidespeicher und Dreschhaus waren nicht immer in der Burg oder zumindest der Vorburg untergebracht, sie konnten gerade im Fall von Höhenburgen auch innerhalb eines weiten Mauerrings verteilt oder am Fuße des Berges liegen. Bei Niederungsburgen stand im Regelfall genügend Platz zur Verfügung, um einen geschlosseneren Komplex unter Einbeziehung dieser Gebäude zu errichten. Falls eine Wassermühle zur Anlage gehörte, war ohnehin ihre Lage an einem Bachlauf orientiert, selbst wenn das Wasser über einen Kanal zum Mühlrad geführt wurde. Neben diesem Typ finden sich kleine Handmühlen sowie bspw. in Greifenstein eine Pferdemühle. Auch Fischteiche benötigten eine stete Frischwasserzufuhr. Allerdings sind die landwirtschaftl. Bauten und ihre Bedeutung bisher nicht zuletzt wg. ihrer dürftigen Überlieferung aufgrund der überwiegenden Holzbauweise der Gebäude häufig unterschätzt worden und auch archäolog. nur schwer nachweisbar. Die gebräuchl. bäuerl. Arbeitsgeräte für die zentralen Agrarwirtschaftszweige Viehhaltung, Milchverarbeitung, Wein-, Getreide- und Obst- sowie Gartenbau sind hingegen in der Regel durch Kleinfunde belegt.

Spätestens im 16. Jh. führte der erwähnte zunehmende Repräsentativcharakter der Schloßanlagen zu einer weitgehenden Auslagerung des Wirtschaftsbetriebs wie bspw. bei der Umgestaltung des Darmstädter Schlosses, wo man 1580 diesen Gebäudekomplex vollständig in die Vorstadt umsiedelte. Dort konzentrierte man nunmehr Mühlen, Brauerei, Brennerei, Küferei, Hühnerhof, Zehntscheune, Marstall, Seidenweberei, Waschhaus und schließl. Schlachthaus. Allerdings erhöhten die meist hölzernen Wirtschaftsgebäude auch die Feuergefahr nicht nur bei feindl. Beschuß, ein weiterer Grund zur räuml. Trennung von der Wohnanlage.

Unterschiedl. war die Zahl der beschäftigten Handwerker, so zählten Bäcker und Schmiede eher zum Grundbestand, auch die Beinschnitzerei war verbreitet, während seit dem 16. Jh. verstärkt auch Schreiner, Wagner und Weber (Seide) nachweisbar sind, welche für die Bedürfnisse des Hofes nunmehr direkt in den Anlagen oder im Wirtschaftsbetrieb produzierten. Holz- und Metallverarbeitung (Brenn- und Schmelzöfen) blieben abhängig von der Möglichkeit, auf die nötigen Grundstoffe in räuml. Nähe in ausreichender Menge zugreifen zu können. Allerdings besitzen wir von Einzelinformationen abgesehen so gut wie keine Kenntnisse über den Produktionsumfang. Beschränkend wirkte sich zumindest auf Höhenburgen aus, daß keine Wasserkraft genutzt werden konnte.

Quellen

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Die Bierproduktionsweise führt in seinem 1517 in Nürnberg gedruckten Herbarium Johannes Niger de Praga an. Vgl. Jan Černý, Kniha lékarská, kteráž slove herbář aneb zelinář, Nürnberg 1517. – Die ausführl. Ausstattung des Bierkellers ist im Inventar des südböhm. Schlosses Třeboň/Wittingau aus den Jahren 1587, 1588 und 1591 verzeichnet (deponiert im SA Třeboň/Wittingau, Großgrundbesitz Wittingau, Sign. I B 6 I, Fasc. 8). - Mährisches LA Brünn, Bočeks Sammlung (G 1), Inv.-Nr. 8762, Die Instruktion des Olmützer Bf.s Stanislaus Pavlovsky für den Bäcker, Beschließer, Fleischer und Braumeister in Kremsier aus dem Jahre 1590.

Literatur

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Hrdlička, Josef: Hodovní stůl a dvorská společnost. Strava na raně novověkých aristokratických dvorech v českých zemích (1550-1650), České Budějovice 2000. – Huntemann, Hans: Bierproduktion und Bierverbrauch in Deutschland vom 15. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, Göttingen 1970. – Macek, Josef: Jagellonský věk v českých zemích (1471-1526), 1, Prag 1992. – Petráň, Josef u. a.: Dějiny hmotné kultury I/2, Prag 1985, II/1, Prag 1995. – Uytven, Raymund van: Art. »Bier und Brauwesen«, in: LexMA II, 1983, Sp. 135-140.

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