Wissenschaftler profitieren von Blumenbachs Netzwerk

Jubiläum und Ausstellung

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Vor 250 Jahren immatrikulierte sich der Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach an der Universität Göttingen und machte auch in der Akademie Karriere. Sein Ansehen war so groß, dass er zum Fortbestehen der Universität beigetragen haben könnte.

GÖTTINGEN. Die enge Zusammenarbeit zweier Wissenschaftler Anfang des 19. Jahrhunderts hatte wahrscheinlich weitreichendere Folgen als gemeinhin bekannt: Der Göttinger Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) stand im regen Austausch mit seinem Kollegen Georges Cuvier (1769-1832) in Paris, obwohl sich damals das napoleonische Frankreich im Krieg mit fast ganz Europa befand. Ein Krieg, in den auch Blumenbachs Dienstherr Georg III., Kurfürst von Hannover und König von Großbritannien, verwickelt war. Als Napoleon Norddeutschland besetzt hatte, drohte der Göttinger Universität die Schließung. Doch der einflussreiche Cuvier soll sich bei Napoleon für die Georgia Augusta stark gemacht haben, und zwar mit der Begründung, dass eine Universität, an der ein Blumenbach lehre, nicht geschlossen werden dürfe.
„Vielleicht ist das eine Legende oder zumindest eine Übertreibung. Aber Blumenbachs Ansehen war so groß, dass man diese Nachricht für glaubhaft hielt“, sagt Wolfgang Böker, Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Johann Friedrich Blumenbach – Online“ der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Das Vorhaben arbeitet seit 2010 an einer Online-Edition aller Publikationen des Naturforschers und bietet darüber hinaus auf ihrer Internetseite www.blumenbach-online.de Quellen und Informationen zu Blumenbachs Leben und Karriere. In diesem Jahr, genauer am 19. Oktober, immatrikulierte sich Blumenbach vor genau 250 Jahren an der Georgia Augusta. Er war damals 20 Jahre alt und sollte bis zu seinem Tod 1840 in Göttingen bleiben.
Blumenbach stammte aus Gotha und hatte in Jena Medizin studiert, bevor er, vom Ruhm der medizinischen Fakultät in Göttingen angezogen, in die Leinstadt wechselte. Nach seiner Promotion 1775 stand ihm eine profitable Existenz als Arzt und Privatgelehrter in seiner Heimatstadt offen. In Göttingen gab es jedoch eine hervorragend ausgestattete Universitätsbibliothek und eine 1773 neu gegründete naturwissenschaftliche Sammlung, das „Academische Museum“. Blumenbach erarbeitete für dieses Academische Museum ein wissenschaftliches Verzeichnis der 13 000 Sammlungsobjekte und empfahl sich damit für eine ordentliche Professur.

 

In den folgenden Jahrzehnten wurde Blumenbach zu einem der national und international bekanntesten Göttinger Wissenschaftler. Er war ein Pionier der Vergleichenden Anatomie und der Paläontologie. „Bei seinen Forschungen zur Physischen Anthropologie betonte er die physische und intellektuelle Gleichwertigkeit aller Menschen. Damit wurde er zu einem der Begründer des wissenschaftlichen Antirassismus, auf den sich die zeitgenössischen Gegner der Sklaverei in Frankreich, Großbritannien und in den USA beriefen“, sagt Böker. 1780 formulierte er die Idee eines „Bildungstriebes“, einer besonderen Fähigkeit organischer Materie, durch Selbstorganisation komplexe lebende Strukturen zu bilden und zu bewahren. Diese Theorie sei in der Naturforschung um 1800 viel beachtet worden, erläutert Böker weiter. Auch in der Göttinger Akademie machte Blumenbach Karriere. Seit 1812 war er ihr Sekretär.
Bemerkenswert ist die internationale Dimension von Blumenbachs wissenschaftlichem Wirken. Er pflegte Beziehungen in die gesamte damals für Europäer erreichbare Welt. So gelangte er an Informationen und Forschungsobjekte aus Grönland, Sibirien, den Anden und dem Amazonasgebiet, aber ebenso aus Afrika, Südostasien, dem pazifischen Raum und Australien. Seine Publikationen wurden in viele europäische Sprachen übersetzt und auch in den USA nachgedruckt, und seine Naturkunde-Vorlesungen zogen zahlreiche Studenten aus dem Ausland an.
Sogar heute noch können Wissenschaftler von Blumenbachs Netzwerk profitieren. Eine seiner Zeichnungen ermöglichte jüngst die Bestimmung der Herkunft eines fossilen Mastodonzahns in der Geowissenschaftlichen Sammlung Göttingen. Cuvier hatte Ende 1800 Forscherkollegen in ganz Europa um die Zusendung von Beschreibungen und Abbildungen von Fossilienfunden gebeten. Blumenbach zeichnete für Cuvier den Backenzahn eines Mastodons, eines ausgestorbenen mammutartigen Elefanten-Verwandten, den er in der Sammlung des Academischen Museums verwahrte. Da das Blumenbach-Online-Projekt die Publikationen des Gelehrten mit Objekten seiner Sammlung verknüpft, konnte eine Verbindung zwischen dem Zahn und der Beschreibung wieder hergestellt werden. „Das fossile Findelkind in der Göttinger Sammlung hat also nunmehr eine Biographie“, erläutert Böker. „Blumenbach erhielt ihn am 10. Juni 1795 von Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth, der ihn aus den USA mitgebracht hatte. Authenrieth wiederum hatte ihn von dem deutschstämmigen Botaniker Henry Muhlenberg in Pennsylvania bekommen.“ Aus den Angaben Autenrieths lasse sich außerdem schließen, dass das Fossil von der als „Big Bone Lick“ bezeichneten Fundstelle im heutigen Kentucky stammt. wb/alo

„Die Natur nicht blos aus Büchern, sondern aus ihr selbst studiren“

Ausstellung zu Blumenbachs Naturgeschichte im Göttinger Geowissenschaftlichen Museum

Zum ersten Mal werden geowissenschaftliche Objekte aus den von Johann Friedrich Blumenbach im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert aufgebauten Sammlungen in ihrer ganzen Bandbreite der Öffentlichkeit präsentiert. Im Rahmen der Sonntagsspaziergänge der Göttinger Universitätssammlungen kann die Ausstellung „Blumenbachs Naturgeschichte - objektbezogene Lehre in der Frühzeit der Göttinger Geowissenschaften“ erstmalig am 15. Mai, kurz nach Blumenbachs 270. Geburtstag am 11. Mai, zwischen 11 und 16 Uhr im Geowissenschaftlichen Zentrum besucht werden. Das wissenschaftliche Konzept und die Ausgestaltung der Ausstellung wurden gemeinsam von Dr. Alexander Gehler, Kustos des Geowissenschaftlichen Museums, und Dr. Nadine Schäfer, Mitarbeiterin im Göttinger Akademie-Projekt Johann Friedrich Blumenbach – Online, erarbeitet. Die Realisierung der Ausstellung wurde finanziell von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Fakultät für Geowissenschaften und Geographie unterstützt.  
Johann Friedrich Blumenbach war schon zu Lebzeiten daran gelegen, dass die Menschen , „[…] die Natur nicht blos aus Büchern, sondern aus ihr selbst studiren [...] können.“ Das formulierte er im Vorwort zur ersten Ausgabe des Handbuchs der Naturgeschichte 1780, eines seiner berühmtesten Werke. Das Handbuch wurde ins Dänische, Englische, Französische, Italienische, Niederländische und Russische übersetzt und diente als Grundlage für seine über 60jährige Lehrtätigkeit an der Georgia Augusta. Als Verantwortlicher für das Academische Museum der Universität konnte er Theorie und Praxis wie gewünscht verbinden. Insbesondere in den Fußnoten des Handbuchs nimmt er Bezug auf Objekte, welche im Academischen Museum vorhanden waren. Ergänzend dazu gibt Blumenbach von 1796-1810 in insgesamt zehn Heften die Abbildungen naturhistorischer Gegenstände heraus, die zu großen Teilen Stücke aus dem Academischen Museum oder seiner eigenen Sammlung enthalten.
Heute sind in den Sammlungen der Göttinger Universität noch etwa 4000 Objekte vorhanden, die Blumenbach erhalten hat. Die meisten davon befinden sich in den Geowissenschaftlichen Sammlungen. Viele dieser Objekte aus Paläontologie, Mineralogie, Geologie und Meteoritenkunde verwendete Blumenbach als Anschauungsmaterial in seinen Vorlesungen zur Naturgeschichte. alo