Wie weit können wir unseren Sinnen trauen?

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Wie nutzen und kombinieren wir unsere unterschiedlichen Sinne, um die Umgebung wahrzunehmen und miteinander zu kommunizieren? Das war das Thema einer Vortragsreihe.

Sie wurde von der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft und der Akademie im phaeno Wissenschaftstheater in Wolfsburg veranstaltet. Zu den vier Referentinnen und Referenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen zählten auch die Akademiemitglieder Prof. Nivedita Mani und Prof. Eckart Altenmüller. Videomitschnitte der Vorträge finden Sie in unserer Mediathek.
Die erste Veranstaltung war dem Hören gewidmet, dem „Lieblingssinn“ von Eckart Altenmüller. Der Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover vermittelte zunächst einen Eindruck von der Komplexität dieses „Wunderwerks der Evolution“ und stellte klar: „Menschen sind Hör-Tiere“. Dabei sei das Ohr keinesfalls nur ein Mikrofon, vielmehr erschaffe es sich seine Hörwelt aktiv. Auch die Ohrmuschel sei so individuell, dass sie auf Passbildern immer sichtbar sein müsse. Überdies diene sie der Reflexion des Schalls.
Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die positive Wirkung des Hörens auf das Gehirn. „Intensives Hören erzeugt Neuroplastizität. Das zentrale Nervensystem verändert sich“, sagte der Musikwissenschaftler, der auch Mediziner ist. Und: „Jedes Hören ist Gedächtnisbildung.“ In diesem Zusammenhang stellte er eine umfangreiche Studie vor, bei der 156 Versuchspersonen zwischen 62 und 78 Jahren, die noch nie in ihrem Leben länger als sechs Wochen Musikunterricht erhalten hatten, ein Jahr lang Unterricht bekamen. Das Ergebnis: Das Musiktraining hatte ihr Hören verbessert. „Sie hören feiner und können Muster erkennen“, berichtete Altenmüller. Er wies außerdem darauf hin, dass das gute Hören entscheidend sei, um den Ausbruch von Demenz nach hinten zu verschieben. Jenen Menschen, die nicht gut hörten, empfahl er, unbedingt ein Hörgerät zu tragen.

In dem Vortrag „Mensch sieht Roboter sieht Mensch“ machte Prof. Jochen Steil, Leiter des Instituts für Robotik an der TU Braunschweig, zunächst deutlich, warum Wahrnehmung mehr ist als die Verarbeitung von Signalen. „Das Bild im Kopf entspricht nicht dem Äußeren“, sagte der Robotiker und Neuroinformatiker. Hinzu komme immer auch die Interpretation des Wahrnehmenden, die aus dem Gelernten resultiere. „Der Mensch kann nicht ohne Voreingenommenheiten wahrnehmen“, meint Steil. Wenn ein Wasserhahn tropfe, könne man nicht anders, als darin Rhythmen zu erkennen, und wenn man jemanden in Bewegung sehe, bewege man sich automatisch mit. Daher neigten die Menschen aber auch dazu, in Robotern mehr zu sehen als sich bewegende Objekte. „Nur weil ein Roboter einen Rückwärtssalto beherrscht, kann er noch lange keine Treppe hochgehen“, das sei ein anthropomorphisierender Fehlschluss.
Und wie sieht die Technik uns? Smartphones seien mittels Sensoren zwar in der Lage, den Nutzer zu erkennen, aber deswegen wüssten sie noch nichts von der Person. Tatsächlich seien Maschinen in der Gesichtserkennung inzwischen sogar besser als Menschen, weil sie Millionen von Parametern miteinander verknüpfen könnten. Man habe damit ein mächtiges Werkzeug, aber eines ohne Bewusstsein. Diese Technik sei zudem sehr aufwendig und mit einem hohen Energiebedarf verbunden. Steil empfahl, die Maschinen als „anders intelligent“ zu akzeptieren.
Um die Frage, wie Kleinkinder ihre Umwelt wahrnehmen, ging es in dem Vortrag „Spracherwerb“ von Prof. Nivedita Mani. Die Entwicklungspsychologin leitet die Abteilung „Psychologie der Sprachen“ an der Göttinger Universität, zu dem auch ein Babylabor gehört. Dort hat sie nach eigenen Angaben täglich mit Kindern zwischen sechs Monaten und drei Jahren zu tun und untersucht, wie sie Wörter lernen. Bei ihren Studien kommt sie zu dem Schluss, dass Kinder selbst bestimmen, von wem sie was lernen möchten. Dabei hilft es tatsächlich, mit ihnen in kindgerichteter Sprache zu reden. Das hat sie in Zusammenarbeit mit 67 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt in einer groß angelegten Studie belegt.
Der Lernerfolg eines Kindes hängt maßgeblich davon ab, wofür es sich interessiert. So gibt es tatsächlich Bär- und Baggerbabys, wie Nivedita erläuterte. „Es gibt Kinder, die sich mehr für Tiere und andere, die sich mehr für Fahrzeuge begeistern.“ Wofür sich ein Kind interessiert, hängt ihrer Meinung nach von sozialen Interaktionen und deren Intensität ab. Wenn das Kind einer Person vertraue, lasse es sich von dieser anregen. Das könnten die Eltern, aber auch Freunde sein. Eine genetische Prädisposition sieht sie eher skeptisch.

Welchen Täuschungen wir oft erliegen, ohne es zu merken, erklärte Martin Korte, Professor für zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig, der mit seinem Vortrag „Wie das Gehirn die Welt erschafft“ die Reihe beschloss. Seinen Angaben zufolge strömen in jeder Sekunde 400.000 Sinnesreize auf unser Gehirn ein, von dem nur ein Bruchteil bewusst verarbeitet werden kann. Die bewusste Verarbeitungskapazität liege bei etwa 120 bits/sec. „Wenn wir jemandem beim Sprechen zuhören, brauchen wir schon 60 bits/sec“, sagte Korte. Es sei daher kaum möglich, sich zugleich auch noch auf das Handy zu konzentrieren.  
In anschaulichen Beispielen demonstrierte er, wie die Erwartungshaltung unsere Wahrnehmung beeinflusst und wie das Gehirn aus dem Kontext schließt. So könne der Mensch zum Beispiel schneller als eine künstliche Intelligenz auf einem komplexen Bild eine kleine Zahnbürste am Waschbeckenrand entdecken, zugleich aber würde ihm eine andere, zwei Meter große Zahnbürste auf demselben Bild entgehen. „Das Gehirn sieht, was es glaubt zu sehen, weil die Nervenzellen mit sich selbst verschaltet sind“, erläuterte der Forscher. Was wir wahrnehmen, hängt außerdem mit unseren Erfahrungen zusammen. Daher konstruierten wir unsere Wirklichkeit, und zwar jeder auf seine eigene Weise. alo