Welche Gedanken helfen bei Angst vor dem Tod?

SAPERE holt philosophische Texte zu ewig menschlichen Themen aus der Vergessenheit.

Magazin

Dr. Simone Seibert

GÖTTINGEN. Was hat die römische Kaiserzeit zwischen dem ersten und dem vierten Jahrhundert n. Chr. mit uns zu tun? Wenn man Dr. Simone Seibert hört, die beim Forschungsprojekt SAPERE mitarbeitet, eine ganze Menge.

Damals wie heute wurden die Menschen von Krisen geschüttelt und suchten nach Antworten, wovon philosophische Schriften zeugen, die noch bis zur frühen Neuzeit zum Bildungsgut gehörten, danach aber in Vergessenheit geraten sind. Diese Schriften lassen eine Zeit aufleben, in der sich die Menschen nicht mehr mit den religiösen Vorstellungen ihrer Vorväter begnügten, sondern sich auf vielfältige Weise neu zu orientieren versuchten. Das Projekt SAPERE, das seit 2009 über das von Bund und Land finanzierte Akademienprogramm gefördert und von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen betreut wird, sorgt dafür, dass nicht nur die Forschung, sondern alle Interessierten wieder Zugang zu diesen Texten bekommen. Die Themen reichen von Glück, über Freiheit, Aufbruch, Arbeit, Armut und Menschenwürde, bis zu Liebe und Tod.
Wie kann man einem Menschen die Angst vor dem Sterben nehmen? Mit beispielsweise dieser Frage hat sich vermutlich im ersten Jahrhundert v. Chr. ein anonymer Autor befasst und einen fiktiven Dialog geschrieben, in dem Sokrates einem alten Mann Mut zuspricht. Der alte Mann, ansonsten eine gestandene Persönlichkeit, ist krank und hat Angst vor dem Tod. „Der hier geschilderte Sokrates versucht es zunächst mit der epikureischen Lehre und argumentiert, dass wir es doch nicht merken, wenn wir tot sind, und daher könne uns der Tod auch nichts anhaben“, sagt Seibert. Da der alte Mann damit aber nicht getröstet werden konnte, habe Sokrates einen neuen Versuch gestartet und dabei, wie er sagt, aus einem Mythos der Hyperboreer geschöpft, demzufolge sich die Erde zwischen Himmel und Hades befindet und ein Totengericht darüber entscheidet, wer wohin kommt. „Das ist eine Todesvorstellung, die frappierend derjenigen im späteren Christentum ähnelt: Die Guten kommen in den Himmel, die Bösen in die Hölle“, erläutert Seibert. Gerade dieser Text über den Tod zeige, wie auch die Philosophie die Religion mitgeprägt habe. Abgesehen davon war in diesem Text der zweite Trostversuch dann so erfolgreich, dass der alte Mann schließlich sogar gern sterben wollte.

In einem anderen Text stellt sich der Redner und Philosoph Maximos von Tyros im  zweiten Jahrhundert der Frage „Ist Beten sinnvoll?“. Dabei erzählt er zunächst von König Midas, der einen Satyr bat, sein ganzes Reich in Gold zu verwandeln. Der erfüllte seinen Wunsch, aber da auch alles Essbare zu Gold verwandelt wurde, kam es zu einer riesigen Hungersnot, woraufhin König Midas die Götter anrufen musste, seinen Wunsch rückgängig zu machen. „Die Geschichte wurde als Beispiel dafür herangezogen, dass es unvernünftige Dinge gibt, um die der Mensch bitten kann, und berührt das Problem der Theodizee“, sagt Seibert. Was der Mensch für sich als negativ erlebe, könne im großen Weltgeschehen durchaus Sinn ergeben. Wie sehr die Thematik uns auch heute noch umtreibt, zeigt sich etwa auf humorvolle Weise in dem Hollywood-Film „Bruce Allmächtig“ - eine Parallele, die in der Einleitung des SAPERE-Bandes erwähnt wird: Bruce, ein Sterblicher, der in die Rolle Gottes schlüpft, bricht in dem Film unter der Last, aber auch der Widersprüchlichkeit der Gebete schier zusammen. Maximos von Tyros rät von Bittgebeten ab und empfiehlt stattdessen, mit dem Höheren in einen Dialog zu treten. Auch Sokrates erfüllt in diesem Text wieder eine Vorbildfunktion: „Er hat sich mit seinem Daimonion über die Seele, eine gute Lebensführung und den Tod ausgetauscht“, sagt Seibert, wobei ein „Daimonion“ eine Art guter geistiger Führer, ein Schutzengel, gewesen sei.
38 Themen dieser Art hat das Forschungsprojekt SAPERE seit seiner Gründung – von 2001-2009 wurde es zeitweise von der Thyssen Stiftung gefördert – behandelt. In den Bänden wird der jeweilige Originaltext aus dem Altgriechischen, Lateinischen oder auch Hebräischen, Altsyrischen und Arabischen ins Deutsche oder Englische übersetzt, der Leser erfährt etwas über den Autor und die Werkgeschichte, und es gibt noch eine Besonderheit darüber hinaus: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen wie der Geschichte, Archäologie, Theologie und Philosophie erklären den Text aus der Sicht ihres Faches. Die Bände werden zwei Jahre nach ihrem Erscheinen in die digitale Bibliothek der Göttinger Akademie „res doctae“ eingestellt und können dann dort von allen Interessierten unentgeltlich heruntergeladen werden.
Im Entstehen ist gerade ein Band über den Arzt Galen, der im zweiten Jahrhundert ähnlich gefordert gewesen sein dürfte wie die Ärzteschaft dieser Tage. Zumindest wirkte er zur Zeit einer Pandemie, der Antoninischen Pest, die von Legionären aus dem Osten über das gut ausgebaute Straßennetz eingeschleppt wurde und von 162 bis 180 n. Chr. im Römischen Reich wütete. „Es war aber wohl nicht die Pest, sondern es waren eher die Pocken“, meint Seibert. Fest steht jedenfalls, dass Galen lediglich mit Heilkräutern, Aderlass und Wärme-Kälte-Anwendungen gegen die Krankheit angehen konnte. Das Erscheinen des Bandes über Galen war eigentlich für dieses Jahr geplant, musste aber zusammen mit dem dazu geplanten Forschungskolloquium – Ironie des Schicksals – coronabedingt auf das kommende Jahr verschoben werden.
alo