Was steckt hinter dem Beruf „Nonnenmacher“?

Familienbesuch beim Mittelhochdeutschen Wörterbuch

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Gerhard Diehl hat Ritterbücher für Julius und Carl mitgebracht.

Wie wurden die mittelhochdeutschen Wörter ausgesprochen, und wer war die sprachliche Autorität? Die Experten erklären ihre Arbeit direkt am Schreibtisch.

Das „Mittelhochdeutsche Wörterbuch“ hat nach seinem Auftritt im Literaturherbst Besuch bekommen. Carolin Hlusiak und Jan Borkowski wollten zusammen mit ihren Söhnen Carl (7 Jahre) und Julius (5 Jahre) mehr über das Forschungsprojekt erfahren und folgten einer Einladung in die Geiststraße. Für die Jungs hatte Arbeitsstellenleiter Dr. Gerhard Diehl wohlweislich einige Kinderbücher über Ritter mitgebracht, auf die sich die beiden sofort stürzten. Carl hatte mit dieser Unterhaltungsliteratur offenbar weniger gerechnet, denn beim Betreten der Büros stellte er fest: „Ich habe mir schon gedacht, dass ihr hier ganz viele Computer habt.“
Um zur Veranstaltung des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs beim Literaturherbst gehen zu können, hatte das Ehepaar extra einen Babysitter organisiert. „Ich bin froh, dass wir da gewesen sind, es war amüsant und unterhaltsam“, sagte Jan Borkowski. Carolin Hlusiak begründete ihr besonderes Interesse an dem Wörterbuch-Projekt damit, sehr sprachaffin zu sein. Letztlich sei sie aber doch Musikerin geworden, habe Chorleitung studiert. Daher hatte sie auch gleich eine Frage zu älteren Liedertexten, nämlich ob das „eia“ in den Kirchenliedern eine besondere Bedeutung habe. Dr. Jonas Richter, der ebenfalls beim „Mittelhochdeutschen Wörterbuch“ arbeitet, blätterte in einigen Werken der Fachbibliothek, kam aber zu dem Schluss, dass es sich beim „Eia“ tatsächlich nur um ein „aufmerksamkeitsheischendes Signal“ handele, das „lautmalerisch emotionale Berührtheit“ ausdrücken sollte.
„Die Aussprache der Wörter von damals ist doch sicher schwierig herauszubekommen“, überlegte Hlusiak laut. „Natürlich haben wir keine Native Speakers mehr“, scherzte Diehl. Es gebe aber Reime, über die man einiges über die Aussprache herausbekommen könne. Ob sich die Sprache heute schneller verändere als in der Zeit zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert, sinnierten die Besucher. Diehl bejahte das grundsätzlich, da die Welt heute ganz anders vernetzt sei, und verwies auf Anglizismen. Das Wort „Handy“ sei allerdings ein deutsches Wort, das nur englisch klinge. Doch der Einfluss der englischen Sprache habe dazu geführt, es eben nicht „Tragi“ zu nennen. Richter gab jedoch zu bedenken, dass es weniger grammatische und lautliche Veränderungen gebe, weil die Rechtschreibregeln einen solchen Wandel verhinderten. Rechtschreibung habe es bis in die Neuzeit nicht gegeben, Goethe habe sogar seinen Nachnamen auf sehr unterschiedliche Weise geschrieben. „Wer war denn im Mittelalter die sprachliche Autorität?“ wollte Borkowski wissen. „Die Sprachgemeinschaft“, meinte Richter.
 

Für Berufe, die es nur im Mittelalter gegeben hatte, interessierte sich auch Carl. Mit dem Begriff „Nonnenmacher“, der für einen „Schweinekastrator“ stand, konnte er weniger anfangen, dafür leuchtete ihm der „Schwertfeger“ umso mehr ein. „Das ist einer, der Schwerter säubert, putzt und glänzend macht“, erklärte Diehl. Außerdem habe es im Mittelalter keine „Taschendiebe“ gegeben, denn die Menschen hätten keine Hosentaschen gehabt, sondern ihr Geld in einem Beutel mit sich getragen. Die „Taschendiebe“ von heute hätten im Mittelalter entsprechend „Beutelschneider“ geheißen.
Erhalten haben sich bis heute aber zum Beispiel die „Armen Ritter“ – keine Berufsgruppe, aber ein Rezept, nach dem schon vor hunderten von Jahren gekocht wurde. Rezepte aus dem Mittelalter seien so einige überliefert, man könne mit ihnen aber leider wenig anfangen, bemerkte Diehl. „Nimm ein Huhn, ziehe die Haut ab, koche es in heißem Wasser und tue Würze dazu – das ist nicht sehr hilfreich.“
Nach einer kurzen Einführung in die alltägliche Arbeit in dem Wörterbuchprojekt, die im Wesentlichen daraus besteht, Belege zu einem Wort auszuwerten und einen Wort-Artikel zu verfassen, was etwa bei „mehr“ auch mal mehrere Wochen dauern kann, sprach Hlusiak von einem „undankbaren Job, der niemanden aufs Titelblatt bringt“. Diehl jedoch sieht das anders: „Das ist Grundlagenforschung. Wenn wir uns ins MRT legen, wissen auch die wenigsten, wer es entwickelt hat.“  alo