„Badra“ steht für eine als Mädchen wiedergeborene Elefantenkuh

Wörterbuch-Projekt sichert einen Teil des kulturellen Erbes der Uiguren

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Prof. Jens Peter Laut (li) und Dr. Jens Wilkens

GÖTTINGEN. Der Professor für Turkologie Jens Peter Laut beschäftigt sich seit den 70er Jahren mit den Uiguren, aber dass ein Wörterbuch des Altuigurischen dermaßen auf dem Buchmarkt einschlägt, hätte er nie für möglich gehalten.

Natürlich steht das neue „Handwörterbuch des Altuigurischen“, das Dr. Jens Wilkens, Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, auf Anregung von Laut erstellt hat, nicht bei Thalia oder Hugendubel auf dem Regal der Sachbuch-Bestseller, aber gemessen an den ersten Absatzzahlen ist es eine Art Harry Potter in der Welt der Wörterbücher: Innerhalb der ersten drei Tage nach seinem Erscheinen wurde es 3000mal heruntergeladen. Grund: Es handelt sich weltweit um die erste Bestandsaufnahme des gesamten Wortschatzes altuigurischer Texte, und das Altuigurische oder Alttürkische spielt bei den Türksprachen eine ähnliche Rolle wie das Latein bei den romanischen Sprachen. Es gibt aber noch eine andere und zwar politische Erklärung: Für die von den Chinesen verfolgten Uiguren wird mit dem „Handwörterbuch des Altuigurischen“ ein wichtiger Teil ihres kulturellen Erbes gesichert. Ermöglicht wurde das Werk durch eine Förderung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, das gemeinsam mit dem Bund auch ein Langzeitprojekt der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen fördert, das quasi die XXL-Version des Handwörterbuchs erstellt. Es heißt „Wörterbuch des Altuigurischen“ adw-goe.de/forschung/forschungsprojekte-akademienprogramm/woerterbuch-des-altuigurischen/ und geht konzeptionell auf die jahrzehntelangen Arbeiten am „Uigurischen Wörterbuch“ von Prof. Klaus Röhrborn zurück, den freien Mitarbeiter und Vorsitzenden der Leitungskommission des Langzeitvorhabens.

 

Während das jüngst erschienene Handwörterbuch insbesondere eine jahrzehntelange Lücke in der universitären Lehre schließt – bisher mussten die Dozenten für die Lektüre von Texten in Seminaren händisch eigene Vokabellisten erstellen, was sehr aufwendig war – nimmt das große “Uigurische Wörterbuch“ eine regelrechte Autopsie des altuigurischen Sprachschatzes vor, wie Laut es beschreibt, und ist – neben seiner wissenschaftlichen Bedeutung für die Turkologie - vor allem von  Nutzen für Spezialisten der Sinologie, der Indologie, der Zentralasienkunde und der Buddhismuskunde. Die erwähnte Autopsie zeigt sich unter anderem darin, dass das „Uigurische Wörterbuch“ allein für das altuigurische Wort „hören“ (ešid-) zwölf Seiten Schreibvarianten und Textnachweise bietet und schon die ersten beiden Buchstaben „a“ und „ä“ fast 900 Seiten umfassen. Bis das einmalige Monumentalwerk fertig ist, werden allerdings auch voraussichtlich noch zwanzig Jahre vergehen.
Das Altuigurische ist eine Türksprache, die aber stark von Fremdeinflüssen geprägt ist. Die Uiguren lebten ursprünglich nomadisch im Gebiet der heutigen Mongolei, später dann entlang der Seidenstraße und kamen dabei in Kontakt mit anderen Religionen wie dem Buddhismus, dem Christentum und dem Manichäismus. „Texte dieser Religionen wurden übersetzt, daraus ergaben sich neue Wörter, und es ist damit z.T. auch eine neue Sprachstruktur entstanden, wobei das „türkische Wesen“ des Altuigurischen nicht verloren gegangen ist “, erläutert Laut. Bereits im 8. Jahrhundert nahmen die Uiguren den Manichäismus als Staatsreligion an und entwickelten in rasend kurzer Zeit – also in einem Zeitraum von 50 bis 100 Jahren – beeindruckende sprachliche und künstlerische Fähigkeiten, die viele Handschriften zu Kunstwerken machen. „Das Altuigurische war eine Art Lingua Franca entlang der Seidenstraße, die Uiguren haben dort eine Leitkultur gestellt“, meint Laut.
In dem Handwörterbuch des Altuigurischen kann das Stöbern auch Nicht-Turkologen Freude machen und die Fantasie anregen, zum Beispiel, wenn man auf das Wort „badra“ stößt und liest, dass es sich dabei um den Namen einer Elefantenkuh handelt, die als Mädchen wiedergeboren wird. Das mit fast 1000 Seiten gar nicht so kleine Handwörterbuch klärt uns außerdem darüber auf, dass „Yoghurt“ vom türkischen Wort „yogrut“ kommt. Doch erst in dem Großvorhaben wird man erfahren können, dass der wohl früheste Beleg für dieses Wort in einem altuigurischen Text zu finden ist, der in den buddhistischen Höllen spielt und den Laut so zusammenfasst: „Sie zerschlagen die Köpfe der Sünder mit glühenden Keulen und fressen ihre Gehirne wie Yoghurt.“ alo