Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
Aus den ersten sechs Jahrhunderten der Christenheit
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Auch wenn der Name „Dionysius Areopagita“ nicht jedem wie selbstverständlich über die Lippen kommt: Diese ebenso schillernde wie faszinierende frühe Gestalt des Christentums prägt bis heute recht wesentlich unser Denken. In jeder Generation wurde sein Werk gelesen und durchdacht; über Johannes Scotus Eriugena, Hugo und Richard von Sankt Viktor, Albert den Großen oder Thomas von Aquin beeinflusst er die Philosophie und Theologie bis in die Gegenwart. Dionysius Areopagita lebte zwischen 476 und 528, doch wer er war, ist bis heute ein Rätsel. Auch wo genau er im byzantinischen Reich gelebt hat, ist noch unbekannt. Bescheiden dürfte er gewesen sein, denn schon zu seiner Zeit war er den Zeitgenossen nur durch sein Werk präsent, das früh als eine Art Zweite Heilige Schrift verstanden wurde. Und er galt als Apostelschüler des Paulus – eine Feststellung, die der erste Kommentator seiner Schriften, Johannes von Skythopolis, gemacht und die jedenfalls dem impliziten Autor „Dionysius Areopagita“ entsprechende Autorität verliehen hat.
Die Forschungsstelle „Patristik: Dionysius Areopagita-Edition“ der Göttinger Akademie hat sich zum Ziel gesetzt, das unantastbare literarische Werk dieses Kirchenvaters in einer ersten modernen kritischen Edition der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Ausgabe zugrunde liegen rund 1000 handschriftliche Abschriften der Dionysischen Originale, die überall in der Welt lagern und den Mitarbeitern des Projektes auf Mikrofilmen zur Verfügung stehen. Das Quellenmaterial ist damit ebenso umfangreich wie die Überlieferung von Platon. Die Fülle der Handschriften zu sichten, sie zu entziffern, zu übersetzen und zu vergleichen, ja letztlich die ursprünglichen Texte zu rekonstruieren, darin besteht die Herausforderung der Herausgeber der Edition.
Reizvoll ist das Werk vor allem, weil es so zeitlos ist. Dionysius Areopagita hat sich als erster der Kirchenväter allgemeine Fragen gestellt, die viele Menschen bewegen; er hat sich mit der Ordnung der Kirche befasst, sich Gedanken darüber gemacht, wie Gott in der Welt zu begreifen ist. Außerdem trat er entgegen dem herrschenden Trend seiner Zeit entschieden für einen friedlichen Dialog zwischen Christen und Andersdenkenden ein. Insofern zählt Dionysius Areopagita zu jenen Größen der europäischen Geistesgeschichte, die die Idee der Toleranz vorangetrieben haben.
Als philosophisch geschulter Denker integrierte er den Athener Neuplatonismus in die christliche Theologie und formte ihn dabei eigenständig um. Das Zentrum seines Werkes bildet eine Summe der Philosophischen Theologie, die sich in vier Einzeltraktate und zehn Briefe aufteilt. Sie wurde gleich nach ihrem Entstehen ins Syrische, danach ins Armenische, Georgische, Lateinische und Kirchenslavische übersetzt, so dass es weder im Osten noch im Westen eine Bibliothek gab, die nicht mindestens eine Abschrift dieser Summe besaß. Die Arbeitsstelle „Patristik: Dionysius Areopagita-Edition“ hat bereits die vier Einzeltraktate und zehn Briefe der kommentierten Summe der Philosophischen Theologie herausgegeben. Es folgen noch weitere Schriften des Dionysius Areopagita sowie die bedeutendsten griechischen Dionysius Areopagita-Kommentare bis zum Beginn des Mittelalters.


