Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Goethe-Wörterbuch

1. Umfang und Proportionen

Goethes Wortschatz

Wellhausen-Vorlesung

Der Jerusalemer Tempel im Spiegel des Koran. Mehr...

Goethes schriftliche (und mündliche) Hinterlassenschaft liegt so gut wie vollständig ediert vor. Dieses Textkorpus bildet den Bezugspunkt für jede Analyse seines Wortschatzes und Wortgebrauchs. Ein textlich realisierter Autorwortschatz besitzt eine unverwechselbar eigene Physiognomie. Das wird sofort deutlich beim Vergleich mit dem lexikalischen Standard der Epoche, wie er in repräsentativen Wörterbüchern kodifiziert ist.

Die Goethetexte weisen einerseits mit Ad-hoc-Wortbildungen, individuellen Bedeutungsnuancen usw. einen gewaltigen Überschuß gegenüber dem Allgemeinwortschatz auf, andererseits fallen Wort- und Bedeutungslücken ins Auge, selbst im Bereich gängiger Grundwörter, wie man sie bei einem so sprachmächtigen Autor in Wirklichkeit nicht annehmen kann (z.B. sind die von Adelung verzeichneten Wörter Flechse, flennen, fletschen, Flicken, Flieder, Florett, Flunder bei Goethe nicht belegt).

Um den Individualwortschatz nach seinem Umfang zu bestimmen, wird man sich rein empirisch an den Befund am Korpus halten müssen, also weder Ergänzungen nach Plausibilitätserwägungen noch Abstriche gemäß einem rigiden Lexembegriff vornehmen. Entscheidet man sich für einen einzelsprachlichen Wortschatz, so bleiben die Vokabulare der in Fremdsprachen verfaßten Texte beiseite. Beschränkt man sich überdies bei den Namen auf die literarisch und kulturhistorisch bedeutsamen, so ist damit die Vorgehensweise des Goethe-Wörterbuchs umschrieben, das mit rund 90.000 Wörtern (Lemmata) rechnet.

Die Stichwortmenge des Adelungschen Wörterbuchs wird auf 60.000 geschätzt; Campe nennt für sein Wörterbuch die Zahl 141.227. Auch im Vergleich zu bisher bilanzierten Wortschätzen anderer Autoren erscheint Goethes Wortschatz exzeptionell groß: Für Luthers deutsche Schriften sind rund 23.000 Wörter gezählt worden, für Storm (ohne die Briefe) 22.400, für Ibsen 27.000, für Shakespeare 29.000, für Milton 12.500, für Puschkin 21.200, für Cervantes 12.400.

Die Hauptquelle des Wortreichtums bei Goethe liegt allerdings nicht im eigentlich literarischen Werk, enthalten in Abteilung I der Weimarer Ausgabe (Gedichte, Dramen, Epen, Romane, Autobiographisches, Übersetzungen, Bearbeitungen, Schriften zu Kunst und Literatur), sondern in den Abteilungen der Briefe, Tagebücher und naturwissenschaftlichen Schriften sowie in diversen Zusatzeditionen, v.a. der amtlichen Schriften. Von den 3 Mio. Wortbelegen im Archiv des Goethe-Wörterbuchs entfallen 1,2 Mio. auf die Werk-Abteilung; das literarische Werk dürfte einen Anteil von rund 40% am Gesamtwortschatz haben.

Nach einem Gesetz der Textstatistik ist die Zahl der in einem Korpus nur einmal vorkommenden Wörter sehr hoch. Bei Goethe machen solche Einmalwörter fast die Hälfte, die 1-3mal belegten Wörter rund Zweidrittel des Wortschatzes aus.

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