Meilenstein der deutschen Lexikographie

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1976 beschloss die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die seit vielen Jahren das Geld zur Bezahlung der Mitarbeiter zur Verfügung stellte, das scheinbar erfolglose Lexikon, das nach über 20 Jahren noch immer beim Buchstaben A krebste, einzustellen. Und es wäre auch eingestellt worden, wenn nicht … Bernhard Mader, der Senior unter den Mitarbeitern, seine Kollegen einschließlich der Redaktorin solange genervt hätte, bis sie einsahen, dass man sich da wehren könne und müsse. Dann wurde eine Doppelstrategie verfolgt: Wissenschaft und Arbeitsrecht. Mit Unterstützung der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) gelang es, die Fronten aufzubrechen. Die Universität sah sich zwar nicht als Arbeitgeber, aber die Befristung der Arbeitsverträge auf ein Jahr hielt sie für ungültig. Wenn dieser Standpunkt sich durchgesetzt hätte, dann hätte dies das Ende des Lexikons stark verteuert.

Eine Resolution für die Fortführung des LfgrE wurde verbreitet und von knapp 300 Wissenschaftlern aus der ganzen Welt unterschrieben. Alles, was in der Graezistik Rang und Namen hatte, befand sich darunter (auch Marzullo, der Kritiker der 50er Jahre – nur M. West unterschrieb nicht, er brauche das LfgrE nicht, schrieb er seinem Freund Winfried Bühler).

Die DFG gab nach. Zufällig war in diesen Jahren eine Neuregelung der geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in Deutschland fällig. Langfristige Projekte sollten nicht mehr von der DFG, sondern von den Akademien betrieben werden. Und weil Hamburg keine eigene Akademie hatte, kam das Lexikon 1980 in die Obhut der Göttinger Akademie. Damit verbunden war eine Neustrukturierung und Straffung der gesamten Arbeit am Lexikon. Vom Buchstaben B an wurde nach diesem Plan gearbeitet.7 Die Rezensenten fanden die damit verbundenen Kürzungen schlecht, aber haben sich im Laufe der Zeit damit versöhnt, zumal das Lexikon kontinuierlich erschien.

Entscheidend dafür war, dass die Mitarbeiter, die in der Krise ihren Arbeitsplatz verteidigt hatten, nun alle fest angestellt wurden8 und über zwanzig Jahre beisammen blieben.9 Dies Team hat das Lexikon gemacht, erst unter Leitung von Eva Maria Voigt, dann unter Michael Meier-Brügger.

 

Chronologie der Ereignisse vom 17. Februar bis zum 12. April 197610

17. Februar Der zuständige Ausschuss der DGF empfiehlt dem Hauptausschuss, das scheinbar erfolglose Lexikon einzustellen.

Letzte Februarwoche  

Die Mitarbeiter beschließen, sich zu wehren.

März     

Brief der Mitarbeiter an den Präsidenten der Universität mit der Forderung nach Arbeitsverträgen mit der Universität.

4.  März 

Herausgeber (Prof. Winfried Bühler), Redaktion (EvaMaria Voigt), Mitarbeiter (Bernhard Mader) wenden sich mit einem Brief an die wissenschaftliche Öffentlichkeit und fügen eine Erklärung zur Unterstützung des Lexikons bei, die von 15 prominenten Erstunterzeichnern und bis Mai von knapp 300 Wissenschaftlern aus aller Welt (von Australien über die USA bis zur Sowjetunion) unterzeichnet wird.11

5.  März 

Brief der Universität an die Mitarbeiter des Lexikons: Arbeitgeber ist nicht die Universität, sondern Prof. Bühler.

7.  März    

Die Mitarbeiter treten der GEW bei und beantragen Rechtsschutz.

8. März

Brief des Präsidenten der Universität an den Präsidenten der DFG mit Darlegung des Rechtsstandpunktes der Universität: Forderung eines Sozialplanes, Hinweis auf die Möglichkeit der Übergabe des Lexikons an eine Akademie.

10. März

Beschluss des Institutsrates des Seminars für klassische Philologie: Bestürzung über den Einstellungsplan und Hinweis auf die Göttinger Akademie als möglichen Träger des Lexikons.

16. März

Brief von C.F. von Weizsäcker an Bruno Snell.12

18. März

18.  Helmut Flashar, Vorsitzender der Mommsen-Gesellschaft, wendet sich „mit großer Sorge um das Schicksal des Lexikons“ mit einem Brief an die DFG.13

Brief des VizePräsidenten der Universität Hamburg, Prof. Otto, an den Präsidenten der Göttinger Akademie der Wissenschaften.14

19. März

Das Justitariat der DFG mischt sich mit einem Rechtsgutachten zur Verteidigung de herrschenden Zustände ein.

21. März

Brief Prof. Snell an den Präsidenten der DFG.15

23. März

Mitteilung Eva-Maria Voigts über den Erfolg der Unterschriftensammlung.16

24. März

Prof. Bühler erklärt, dass die Privatdienstverträge der Mitarbeiter des Lexikons am  31. März auslaufen und spricht vorsorglich eine Kündigung zum 30.6.1976 aus.

30. März

Brief der Mitarbeiter an Prof. Bühler: Ablehnung einer Zwischenlösung.

9. April

Prof. Bühler versucht vergeblich, die Beschlüsse der DFG zu erfahren.

12. AprilMitteilung der DFG an Prof. Bühler über Weiterfinanzierung.17

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7     s. LfgrE II, 1991, I–V

8     Es dauerte einige Jahre, bis der neue ”Dienstherr” dies formell akzeptierte. Bis dahin unterschrieben die meisten Mitarbeiter die ihnen angebotenen befristeten Arbeitsverträge nicht und arbeiteten ohne schriftlichen Vertrag.

9     Dies betrifft die Hauptartikelschreiber William Beck, Rudolf Führer, Bernhard Mader, Georg Markwald, Hans Wilhelm Nordheider , James N. O'Sullivan, Martin Schmidt

10     Quelle sind meine Aufzeichnungen und Sammlungen von Dokumenten

11     Beck/Irmer 1996, 178f.

12     Beck / Irmer 1996, 193f.

13     Beck/Irmer 1996, 188f.

14     Beck /Irmer 1996, 189ff.

15     Beck / Irmer 1996, 192f.

16     Beck / Irmer 1996, 185

17   Am Lexikon haben nach 1980 auch Theodore Vlachodimitris (seit 1972 bis 2000) und die jeweiligen holländischen Stipendiaten gewirkt. Dazu kamen in verschiedenen Hilfsfunktionen verschieden lang Fiorella Grensemann, Reinhard Kranz, Euagoras Kyriakides, Barbara Schönefeld, Anke Seyfart, Natascha Tichá, Volker Yntema.

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